EFSLI Turin 2024 – Tag 2

Dr. Maya de Wit trägt vor über die Notwendigkeit für Dolmetscher:innen, sich stets fortzubilden “Eternally Qualified”. Empfohlene Literatur u. a. zur Ungleichheit zwischen Lautsprachen- und Gebärdensprachendolmetscher:innen ist Ester Monzo-Nebot und Maria Lomena-Galiano (ed): Toward Inclusion and Social justice in Institutional Translation and Interpreting: Revealing Hidden Practices of Exclusion, Routledge. Wir wollen zwar alle gute Qualität in unserer Arbeit erreichen, aber unterschiedliche beteiligte Gruppen haben unterschiedliche Prioritäten dafür, was Qualität überhaupt ausmacht. Taube Kund:innen finden Dolmetschkompetenz am wichtigsten, aber für unterschiedliche Settings gibt es unterschiedliche Prioritäten, denn bei Arztbesuchen ist Vertrauen das wichtigste, im Bildungswesen die Fähigkeit der Dolmetschenden sich anzupassen und im Arbeitskontext fundiertes Fachwissen zu haben. Hörende Kund:innen finden die Virtuosität den Lautsprachen am wichtigsten. Dolmetscher:innen selbst finden professionelle Einstellung und Virtuosität in Gebärdensprachen am relevantesten. Wie gehen wir in dieser Situation mit dem Thema Qualitätssicherung um? Wie adressieren wir diese in unseren Curricula? Im Vergleich der Europäischen Länder 2016 und 2020 stellen wir eine signifikante Zunahme von BA Studiengängen bei Abnahme von berufsbegleitenden Qualifikationen fest. Was ist nach dem Abschluss? Dazu macht Maya eine groß angelegte partizipative Umfrage, wer mehr darüber wissen möchte und auch teilnehmen möchte, abonniert am besten ihren Newsletter via Mayas Webseite.

Dc. Res. Yvonne Wedel und Dr. Rachel Mason von der Queen Margaret University in Edinburgh bieten einen berufsbegleitenden Master im Gebärdensprachdolmetschen an. Der ist komplett online, man hat aber eine Gruppe in der eigenen gebärdeten Arbeitssprache vor Ort. Der Zugang ist niederschwellig, was vorausgesetzte akademische Abschlüsse betrifft: Weder Abitur noch BA müssen nachgewiesen werden, lediglich 3 Jahre Berufserfahrung als Dolmetscher:in für gebärdete Sprachen. Allerdings muss man Englisch können, denn das ist die Unterrichtssprache. Für alle, die sich also weitere Qualifikation wünschen mit umfassenden Inhalten Weiterentwicklung von Schlüsselkompetenzen zu unserem Beruf, um sich auf den neusten Stand der Forschung bringen und sich daraufhin vielleicht zu spezialisieren oder dann sogar selber zu forschen, Dissertation zu machen, ist das ein tolles Angebot. Ein Modul (Semester) kostet 1090 Britische Pfund, Minimum sind 4 Semester in 2 Jahren, mehr darüber im Link oben.

Einblick in die Situation der Kolleg:innen in Polen gibt uns Dr. Aleksandra Kalata-Zawlocka und Kamila Skalska. Inspiriert von einem EFSLI Vortrag der Briten letztes Jahr haben sie einen Zensus gemacht, also eine Bestandsaufnahme von den jetzt arbeitenden Kolleg:innen erstellt anhand von Umfragen. Das belegte zum Beispiel, dass die meisten nebenberuflich arbeiten. Daher haben sie die Fortbildungspflicht auf die Bedürfnisse dieser Gruppe angepasst. Diese Fortbildungspflicht, die von drei Säulen getragen wird, ist verpflichtend: 1. für alle gleich, pro-aktive professionelle Entwicklung, 2. und 3. wahlweise, aktive Teilnahme in der Gehörlosengemeinschaft und Engagement im Berufsverband. Sie empfehlen allen nationalen Verbänden die Erstellung einer solchen Bestandsaufnahme.

Feierliches Abstempeln der Briefmarke gewidmet der Anerkennung der Italienischen Gebärdensprache LIS – Lingua dei Segni Italiana. Foto: Rosaria Marano, Vorsitzende des italienischen Dolmetscherverbänden ANIMU (es gibt übrigens fünf nationale Verbände) stellt die Briefmarke vor.

Prof. Jemina Napier und Prof. Alys Young aus Edinburgh: Das INForMHAA Projekt (sprich: info:ma) beschäftigt sich mit Dolmetschen in Begutachtungsverfahren für Zwangseinweisungen im Kontext des britischen Mental Health Acts von 1983. Dieses Gesetz regelt die Verfahren, die eingeleitet werden, wenn festgestellt wird, dass die betreffende Person eine akute und erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und als Konsequenz in eine psychiatrische Anstalt gegen ihre Willen  eingewiesen werden muss. Aber wie läuft diese Feststellung ab im Falle von gebärdensprachlichen Patient:innen? Immerhin werden diese Personen ihrer Selbstbestimmung beraubt während andere bestimmen, was gut für sie selbst sein soll. Bestimmend für einen Lösungsansatz im Umgang mit der Verantwortung innerhalb der hohen Zahl an Zwangseinweisungen ist interprofessionelle Zusammenarbeit. Dazu, ist ihr Fazit, brauchen alle beiteiligten ein Empowerment, ihre eigenen Bedürfnisse für eine gute Zusammenarbeit zu artikulieren. Hier sind die von ihnen zusammengestellten Ressourcen, um diese Zusammenarbeit zu lernen zum Runterladen.

Helen Volkes und Mark Berry aus Wales listen viele erfrischend-eingängige Beispiele zu Hearing Privilege, um uns dazu zu motivieren, uns nicht aus unseren Lorbeeren (fertige Abschlüsse) auszuruhen, und uns stets die Mühe zu machen, uns fortzubilden, um unseren Anschluss an die sich stetig verändernde – da blühend-lebendige – jeweilige Gebärdensprache(n) und Gehörlosencommuity nicht zu verlieren.

EFSLI 2024 in Turin – Tag 1

Donnerstag, 13.- Sonntag 15. 9. 2024

Programm findet ihr hier

Donnerstag, Deaf Interpreter Day: Die Konferenz beginnt mit dem Wunsch, die Vertretung von TGSD in EFSLI zu stärken. Zusammenfassend sei die Vision der Zusammenarbeit harmonisch und empowernd, man freue sich über die kommenden Änderungen mit dem Ziel, in EFSLI sowohl hörende, als auch taube Kolleg:innen zu vertreten. Dazu gehört es zB die Satzung in Richtung Barrierefreiheit und Partizipation zu ändern und in den 6-köpfigen Vorstand TGSD zu wählen. Zukunftsvisionen für EFSLI sollten in der zweiten Tageshälfte von Arbeitsgruppen entwickelt werden. Die dringendsten Aspekte der Teilnehmer:innen sind eine bessere Zusammenarbeit von GSD und TGSD als grundlegenden “Kulturwandel” und die Vorbildfunktion von EFSLI diesbezüglich, die auf nationale und regionale Berufsvertretungen einwirken soll. Ausserdem eine Hinwirkung auf mehr Diversität in unseren Reihen. Beides soll schon in den Ausbildungen angelegt sein. Unser Beitrag rückte die Rolle von KI in unserem Berufsfeld in den Vordergrund mit der Folge, dass wir unsere Berufsfelder betreffend die Trennschärfe zwischen “Übersetzen” und “Dolmetschen”, TGSD und GSD überdenken und neue Berufsfelder gemeinsam erkunden müssen. 

Die Konferenzsprachen sind durchgehend gebärdete Sprachen, International Sign und Italienische Gebärdensprache (LIS), damit sich alle Teilnehmer:innen wohl-fühlen. Lautsprachdolmetschende sind für diejenigen, die sich in International Signs unsicher sind, durchgehend via Kopfhörer für Italienisch und Englisch da. Für die Zwischengespräche sind alle angehalten, zu gebärden. Mit vielen leisen und lauten Erinnerungen klappt das immer besser :). Links ist die Gebärde für DI, Deaf Interpreter, die gerade verwendet wird.

Konferans raporu – Merve Doğan

Merve Dogan

Maya de Wit – 2nd Seminar Sign Language Interpreting on TV and Media: Türk-Alman bir öğrencinin gözünden Televizyon/Medya ve Haber Bültenlerindeki İşaret Dili Çeviri Hizmeti Hakkında Özet ve Yorum

Televizyon/medya tercümanlığını alakadar eden hususlar, bu seneki “Maya de Wit – 2nd Seminar Sign Language Interpreting on TV and Media” konferasında, dünyanın bir çok yerinden bir araya gelen İşaret dili tercümanlar ve araştırmacılar tarafından incelendi. Katılımcıların görüştüğü ve hemfikir olduğu en önemli konu, televizyon/medya tercümanlığın, tercümanlık bölümde tek başına bir bilim dalı olma gereksinimidir. Televizyon/medya tercümanlığın tek başına bir bilim dalı olarak kabul edilmesi, üniversite eğitiminde araştırmaların daha büyük önem kazanmasına yol açabilmektedir. Görüşülen ve büyük önem arz eden bir diğer konu ise, tercüman topluluğunun kendi içinde barındırdığı çeşitli azınlık grubuna mensup olan bireylerdir. Bu bireylerin yaşantıları ve tecrübeleri “beyaz” (bkz. 2. Etnik/kültürel çeşitlilik) tercümanların tecrübelerinden farklıdır. Ancak bu farklılık, topluluk icinde ve televizyon/medya alanında pek dikkate alınmamaktadır. Tercüman topluluğun büyük bir çoğunlukla beyaz tercümanlar tarafından temsil edilmesi, seminerde katılımcılar arasında büyük bir sorun olarak görüşülmüştür. Bu yorum, bilimsel bir makale yerine geçmemektedir. İşaret dili tercümanlığı okuyan bir öğrenci olarak, katılmış olduğum seminer konusunu Türk okurlara tanıtmayı amaçlıyorum. Caner Doğan’ın “Televizyon Haber Bültenlerindeki İşaret Dili Çeviri Hizmetine Yönelik Sağır Topluluğun Tutum ve Beklentileri” araştırma çalışması, kendi yorumumu ifade ederken benim için faydalı bir ilham kaynağı oldu. Yorumumu okuyanlara, Caner Doğan’ın  makalesini incelemelerini gönülden tavsiye ediyorum.

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Konferenzbericht

Auf der zweiten Konferenz zum Dolmetschen in Fernsehen und Medien kristallisierte sich zunehmend heraus, dass Dolmetschen in den Medien sich von anderen Fachgebieten wie Konferenz- oder Communitydolmetschen deutlich unterscheidet. Auch Diversität war ein Thema während der Diskussionen. Es gab Teilnehmende von Island bis Neuseeland. Ich möchte hier auf deutsch über die diesjährige Konferenz berichten. Einen extra Bericht gibt es von Merve Dogan auch auf türkisch.

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Innovation in Interpreting Summit

Vom 22. Februar ab 19.00 Uhr deutscher Zeit bis zum 25. Februar 2021 im Programm gibt es spannende Vorträge rund um Technik und Dolmetschen. Themen wie Notizentechnik, Technische Ausrüstung, Spracherkennung, Schutz unserer Arbeit und Profession, die Zukunft unserer Arbeit werden thematisiert. Es gibt eine Talkrunde zu neuen Praktiken im Gebärdensprachdolmetschen mit u. a. Maya de Wit und Oliver Pouliot. Konferenzsprache ist Englisch. Das alles ist kostenlos, Anmeldung hier https://www.innovationininterpreting.com/

EFSLI Athens 2016: Interpreting for Refugees

At the EFSLI conference in Athens 2016, Ege Karar and I presented on the strategies we found and the challenges we encountered during our trainings on interpreting for migrants and refugees. You can download the pdf here. Title: Deaf and Hearing Interpreters With and Without Experience with Deaf Refugees.

Abstract: Interpreting for deaf refugees is extremely demanding regarding emotional investment, linguistic and strategic versatility of the interpreters and the collaboration between the participants in the setting. Eye Karar, Deaf Interpreter, and his hearing colleague Oya Ataman, both Turkish-born immigrants to Germany, have been training Sign Language interpreters and Integration officers for working with refugees. They are presenting salient aspects of working in this highly sensitive setting. They will illustrate typical pitfalls and explore strategic ways out.

  • The intercultural differences and synergies between refugees of deeply religious Christian and Muslim backgrounds in a Christian-secular legal environment.
  • The power differentials between the host and refugee culture and within the respective cultures regarding ableism and sexism.
  • The collaboration between deaf and hearing interpreter on then hand, the interpreters and the other participants on th other.
  • Implications for the Code of Ethics.

The presentation is aimed both at practitioners who work in this setting and interpreter trainers looking for pedagogic methods to tackle the subject.

InDialog 15: Beverley Costa über die Dynamik zwischen Therapeut, Patient und Dolmetscher in psychotherapeutischen Settings

Psychotherapie in der Muttersprache

Beverley Costa praktiziert Psychotherapie mit mehrsprachigen Klienten. Da der Bedarf nach fremdsprachlicher Therapie in einer Metropole wie London groß ist, gründete sie Mothertongue, eine Organisation, der auch öffentliche Gelder zufliessen. Dort können Menschen, die eine Therapie in einer anderen Sprache als Englisch machen möchten, Therapeuten in ihrer Muttersprache finden – oder Therapeuten, die mit Dolmetschern zusammenarbeiten. Sowohl diese Therapeuten, als auch die Dolmetscher sind auf dieses Setting mit besonderen Anforderungen trainiert.

Wie arbeiten monolinguale und multilinguale Therapeuten mit fremdsprachigen Patienten?

Costa verglich die therapeutische Arbeit von mehrsprachigen und einsprachigen Therapeuten und hält die Ergebnisse in diesem sehr lesenswerten Aufsatz fest: Psychotherapy across Languages: beliefs, attitudes and practices of monolingual and multilingual therapists with their multilingual patients. Sie fasst darin zusammen, dass das Teilen der Muttersprache im psychotherapeutischen Setting einen erheblichen Einfluss auf den Zugang zu den Gefühlswelten der Klienten, und somit zum Erfolg der Therapie hat. Denn jede neue Sprache gestaltet einen anderen Selbstentwurf mit ihr eigenen Emotionspalette.

Mithilfe der Beziehungstheorie erklärt Costa, dass in den frühen Jahren die erste Sprache des Kindes, eben die Art und Weise ist, wie es sich von der Mutter trennt und sich zu anderen in Bezug setzt. Daher sind Spracherwerb und die Erfahrung von Trennung unauflöslich miteinander verknüpft. Die Auswahl der Sprachen macht es möglich, Gefühle, die zu schmerzhaft in der einen Sprache sind, abzuspalten und über eine andere Sprache zu kultivieren. Diese Abspaltung kann zur Entfremdung von sich selbst und anderen führen, eventuell jedoch kann auf kreative Art und Weise eine neue Selbsterfahrung formuliert werden.

Mehrsprachige Therapeuten

Es gibt immer mehr Therapeuten mit eigenem Migrationshintergrund. Wenn diese mit ihren Klienten ihre Muttersprache teilen, befinden sie sich in einem ähnlichen Wahrnehmungsraum wie das Kleinkind und seine Bezugsperson. In dieser Vertrautheit sind die Gefühle, Affekte und frühkindlichen Traumata womöglich einfacher zugänglich als in einer Fremdsprache. Der Klient fühlt sich geborgen, ist weniger gestresst und ist froh, dass er nicht alles erklären muss. Die Sitzung ist weniger bedrohlich. Die Therapeutin muss auf die Wahrung ihrer Professionalität achten, denn sie wird Informationen von sich preisgeben, sich zu sehr mit ihm zu identifizieren und eine Kollusion zu riskieren – die therapeutisch wichtige Distanz zum Klienten muss gewahrt werden, damit die Therapeutin ihrem Klienten helfen kann, sein Leben mit einem neuen Blick zu sehen, und nicht mit seinem eigenen.

Einsprachige Therapeuten

Spricht die Therapeutin womöglich nur die Sprache der Mehrheitsgesellschaft, von der sich der Klient unterdrückt fühlt, ist die Situation gezeichnet von Machtgefälle und Isolation. Wenn die Therapeutin der Muttersprache des Klienten Raum gibt, um darin geäußerte Gefühle zuzulassen, riskiert sie die Sicherheit des Klienten. Kann die Therapeutin damit umgehen, bietet diese Konstellation aber auch Vorteile. Costa schlägt vor, den Klienten selbst seine Äußerungen zu übersetzen, und, an anderer Stelle, mit qualifizierten Dolmetschern zu arbeiten. Therapeut und Klient können darüber reflektieren, wie Sprache und Kultur unser Verhalten prägen und aus alten Wahrnehmungsmustern ausbrechen: wir sind nicht an das gefesselt, mit dem wir aufgewachsen sind sondern haben die Möglichkeit zu wählen.

Schlüsselfaktor: Ausbildung der Therapeuten und Dolmetscher

Diese Komplexität der Emotionen und die Mechanismen für den Zugang zu diesen sind wenigen Therapeuten bekannt und werden unterschätzt. Dabei könnten sowohl einsprachige, als auch mehrsprachige Therapeuten effektiv mit fremdsprachigen Klienten arbeiten, wenn sie diesbezüglich aus- bzw. fortgebildet würden. Der Umgang mit Dolmetschern gehört auch dazu.

Therapie mit Dolmetschern

Auf der Inndialog ging Costa auf die Konfliktpotentiale des triadischen Settings in der Therapie ein. Mithilfe des Dramadreiecks, der bewährten Transaktionsanalyse von Steve Karpman unterscheidet sie die Rollen Täter-Opfer-Retter. Therapeut, Klient und Dolmetscher finden sich in diesen Roll220px-Dramadreieck.svgen wieder – während des Settings können sie in diese Rollen hinein und wieder hinausschlüpfen. Konflikte entstehen, wenn unbewußt ungünstige Konstellationen entstehen. Zum Beispiel kann sich der Dolmetscher in der Rolle des Retters wiederfinden. Dann gibt es eine Konkurrenz zwischen Therapeutin und Dolmetscher, denn eigentlich möchte die Therapeutin der Retter des Opfers (in dieser Konstellation der Patient) sein. Für die Therapeutin, die der Sprache ihres Klienten nicht mächtig ist, bedeutet das einen enormen Autoritätsverlust zugunsten des Dolmetschers. Das kann bedeuten, dass der Klient der Therapeutin nur wenig Vertrauen entgegenbringt. Kann die Therapeutin damit nicht bewußt umgehen, also ihren Anteil in der triadischen Interaktion sehen, macht sie den Dolmetscher für diesen Autoritätsverlust verantwortlich. In den Fortbildungen, die Costa für Dolmetscher und Therapeuten anbietet, lernen Therapeuten, einen sicheren Ort frei von Scham zu schaffen, in dem die Interaktion bewußt stattfinden kann. Dolmetscher lernen, den Therapeuten während des Settings auf subtile Art und Weise ihre Autorität wieder zu geben.

Sekundäres Trauma und Supervision für Dolmetscher

Unbedingt sollten Dolmetscher regelmäßig Supervision machen, um sekundäres Trauma zu vermeiden. Sekundäres Trauma kann entstehen, wenn Dolmetscher regelmäßig den Traumata ihrer Kunden ausgesetzt sind und sie übernehmen. Nicht selten kommen die Dolmetscher selbst von einem ähnlichen Erfahrungshintergrund wie ihre Kunden und erleben ihre eigenen Traumata immer wieder. Abgesehen davon, dass Dolmetscher sich Supervisionen erst einmal leisten können müssen, können viele von ihnen zunächst nichts mit Supervision anfangen. Denn sie kommen aus einer Kultur, in der Sigmund Freud und seine Couch keinen gebührenden Ort der Heilung darstellen. Die gesellschaftlich geschaffenen Strukturen zur Überwindung von Traumata gestalten sich kulturell unterschiedlich. Also sucht Costa nach alternativen Settings und narrativen Techniken, die als Supervision dienen können. Eine Alternative ist kreatives Schreiben. Beverley Costa stellte 2015 ein Buch mit dem Titel In Other Words zusammen aus den Erzählungen ihrer Dolmetscher, die innerhalb von Sitzungen für therapeutisches Schreiben entstanden sind.

In Other Words

Wenn man sich für therapeutisches Schreiben als Supervisionsalternative für Dolmetscher interessiert, dann lohnt es sich, alle Geschichten zu lesen.  Einige Geschichten von den Dolmetscherinnen Zoe, Guida, Kamaljit und Joanna sind wahrhafte Perlen, kaum anderswo  zu finden. Sie schreiben über Wortwechsel und Dolmetschsituationen, die eigentlich unter ihre Schweigepflicht fallen, und die Gedanken und Gefühle, die die Dolmetscherinnen während ihres Einsatzes haben. Costa räumt die Schweigepflicht in ihrem Vorwort ein, hebt aber hervor, dass alle betroffenen Personen anonymisiert wurden und führt höhere Werte als den Schutz der Privatsphäre für die Veröffentlichung der Geschichten an. Die Geschichten zeigen den realen  Alltag der Dolmetscherinnen. Die folgende greife ich als Beispiel auf. Guida wird zu einem „runden Tisch“, so  auch der Titel, geladen, an dem sieben britische von Amtswegen beteiligte Personen und eine Immigrantin sitzen. Die sieben nehmen an, dass die Immigrantin kein Interesse an ihrem Sohn hat aufgrund ihrer Passivität in dem von ihnen geleiteten Verfahren und kündigen an, ihn zur Adoption freizugeben. Die Dolmetscherin merkt während des Gespräches, dass die Situation aufgrund kultureller Unkenntnis beider Seiten derart verfahren ist, dass das von niemandem bevorzugte Ergebnis, eine Tragödie für die Immigrantenfamilie unabwendbar scheint. In der Geschichte legt die Dolmetscherin offen, wie sehr sie mit sich ringt, ob sie entgegen ihrer Ehrenordnung die Situation kommentieren soll, nachdem die Immigrantin den Raum verlassen hat. Sie tut es schliesslich: Ihrer Ansicht nach erwarte man von der Immigrantin aktive Beteiligung an einem Verfahren, obwohl sie in ihrer Kultur gelernt habe, dass man protestlos das tue, was Autoritäten von jemandem verlangten. Sie arrangierten Besprechungen ohne Dolmetscher mit der Folge, dass die Mutter völlig verunsichert sei, ob sie das, was von ihr erwartet würde, auch richtig verstanden habe. Ausserdem zwängen sie sie dazu, mit ihrem Sohn auf Englisch zu interagieren (damit die Sozialarbeiterin, die immer dabei ist, alles verstehen könne), obwohl sie die Sprache kaum spräche, geschweige denn auf Englisch einer emotionalen Mutter-Kind Bindung Ausdruck  verleihen könne. Darüberhinaus verhinderten sie, dass der Sohn die Sprache der Eltern erlerne. So trügen sie aus kulturellem Unverständnis zu einem von ihnen selbst nicht gewünschten Ergebnis bei. Die Dolmetscherin weiss nicht, ob das, was sie gesagt hat, nachvollzogen werden konnte, als sie den Raum und das Setting verlässt. Sie nimmt an, dass sie nie erfahren wird, wie es in diesem Fall weitergeht und ob ihre Intervention gut war.

Ich habe dieses Beispiel ausgewählt, weil ich selbst als Gebärdensprachdolmetscherin genau dieser Art von kultureller Innsensitivität und Dilemma oft begegnet bin. Aber auch die anderen Geschichten sind mir bekannt, auch der alltägliche emotionale Stress. Ich empfinde es als Trost, sie zu lesen und zu wissen, dass sie auch anderen Menschen, die nicht selbst dolmetschen zur Verfügung stehen und vermitteln, was in unserer Zwischenwelt vorgeht. Ich denke, die Geschichten tragen dazu bei, für den Umgang mit Dolmetschern in Settings, aber auch allgemein für den Umgang in einem multikulturellen Setting miteinander zu sensibilisieren.

Das Buch „In Other Words“ verschickt Beverley Costa auf Anforderung als Pdf. Ihre Email ist: info@mothertongue.org.uk

Oya Ataman

InDialog 2015 – Überblick

Vom 21. – 22. November 2015 fand in Berlin die 2. InDialog-Konferenz statt.

Nachdem es in der ersten Konferenz 2013 um den Status quo des Community Interpreting (Dialogdolmetschen) weltweit ging, lag der Fokus der zweiten Konferenz auf der Kombination von Community Interpreting und Technik. Die Konferenz hatte zum Ziel, den Teilnehmern die Möglichkeit zu bieten, eigene Forschungsergebnisse, (gelungene) Beispiele aus der Praxis sowie Sichtweisen auf die Form des Community Interpretings mit anderen zu teilen*.

In einer Welt, in der Menschen und somit auch Sprachen in immer wieder neuen Situationen zusammenkommen, wird der Bedarf an neuen und nachhaltigen Maßnahmen und Lösungen für diese Herausforderungen deutlich.

Hier möchte die InDialog-Konferenz dazu beitragen, effektive Lösungen für das Dolmetschen herauszuarbeiten und weiter zu tragen. Da Technologie in diesem Zusammenhang eine immer größere Rolle spielt, war es Ziel der Konferenz, sich mit dem Einfluss, den Möglichkeiten und Grenzen von Technik in den Bereichen Forschung, Ausbildung und Praxis auseinander zu setzen*.

Dies geschah einerseits in der Form von Foren, Präsentationen von Forschungsergebnissen/-vorhaben, Poster-Präsentationen ebenso wie im direkten Austausch der Teilnehmer untereinander. Ergebnisse und Präsentationen erstreckten sich unter anderem auf folgende Themenbereiche:

  • Ausbildung (Training)
    • Art der Ausbildung (z.B. Kurzzeit-Programme, Vollzeitausbildungen an Hochschulen + deren Akkreditierung)
    • Praxisnähe der Ausbildung („bringing ‚real‘ situation in the classroom“)
    • Rolle und Einfluss der Ausbilder/Trainer
    • Ausbildung + Technologie
  • Art des Forschens im Bereich des Community Interpretings
  • Sensible Einsatzbereiche
    • Medizinisches Setting (z.B. Dolmetschen im Therapieverfahren, Einsatz von Dolmetschern durch Klinikpersonal)
    • Asylverfahren
    • Gericht

Am zweiten Konferenztag wurde der Bedeutung von Technologie im Bereich des Community Interpretings nicht mehr der Raum eingeräumt, wie es in der Ankündigung versprochen war. Dennoch gab es andere wertvolle Informationen:

  • Interessante Neuigkeiten aus dem Bereich der eigenen Profession (Sprachmittlung)
  • (konkrete) Handlungstipps für die Praxis
  • Vorstellung von (neuen) Modellen und Strategien (zur weiteren Vertiefung)
  • Interessante Impulse

All dies konnte man erfahren, kennen lernen und mitnehmen. Und das sowohl im Bereich der Lautsprachen, als auch im Zusammenhang mit Gebärdensprachen!

Ein lohnenswerter Besuch also! 🙂

 

Juliane Bier, Gebärdensprachdolmetscherin aus Berlin.

juliane.bier@gmx.de

 

*Vgl.: http://www.indialog-conference.com/press/pm_in_dialog15_01_en.pdf; 2015-12-07

 

InDialog 15: Sonja Pöllabauer über Dolmetscherfortbildung für Asylverfahren

Sonja Pöllabauer von der Universität Graz referierte über das Fortbildungskonzept für Dolmetschen im Asylverfahren, das sie im Rahmen des QUADA-Projekts entwickelt hat.

QUADA steht für Qualitätvolles Dolmetschen im Asylverfahren und ist ein mit öffentlichen Mitteln finanziertes Projekt, um unterschiedlichste Dolmetscher für die Herausforderungen in Settings rund um Asylverfahren fit zu machen. Das Setting gilt als hochsensibel. Das heisst, das jeder Dolmetschfehler, jedes Missverständnis ein Risiko auf Leib und Leben für die Asylantragsteller bedeutet. In dem Interview wird von den Beamten erwartet, dass sie die materielle Wahrheit über die Bewerber herausfinden. Das heisst, die tatsächlichen Gegebenheiten zu eruieren. Da die Bewerber oft misstrauisch und traumatisiert sind, da sie von anderen erfahren haben können, dass es vorteilhaft sei, manche Dinge zu verschweigen und andere Geschichten zu erzählen, oder einfach nur weil sie aus einer anderen Kultur, das heisst ja auch Kommunikationskultur kommen, gestaltet sich dieses Interview auch mit Dolmetschern schwierig. Dolmetscher müssen in dieser Situation kulturelle, nationale und linguistische Vielseitigkeit mitbringen – und sie müssen dafür ausgebildet sein. Ob es sich um professionelle Dolmetscher, studierte oder Quereinsteiger, um Anfänger oder Amateure handelt – die Nachfrage ist so hoch, das Setting so sensibel, dass eine Fortbildung für alle Dolmetscher als notwendig angesehen wird. Pöllabauer und ihre KollegInnen haben ein Handbuch entwickelt, das man online kostenlos downloaden kann: Das Trainingshandbuch für Dolmetscherinnen im Asylverfahren. Dieses haben sie in mehreren Trainingsrunden erprobt und wollen an den österreichischen Volkshochschulen damit Kurse angeboten sehen. Ein Ziel dabei ist, dass Auftraggeber bevorzugt Absolventen dieses Kurses bestellen, um eine höhere Qualität des Interviews zu gewährleisten.

Originaltitel des Vortrags: ‚It Is a Fiction that I Am Neutral and Invisible.‘ Training Interpreters for Asylum Interviews