Sekundärtrauma: Tanja Singer

Stress und Sekundärtrauma in unserem Arbeitsalltag vorbeugen und bewältigen: die Arbeit von Tania Singer, Soziale Neurowissenschaftlerin.

Tanja Singer im Livestream des Collective Trauma Summit 25 am 16. Oktober, http://www.collectivetraumasummit.com

Tania Singer ist auf ihrem Gebiet ein Superstar – und in ihren zahlreichen Vorträgen, live und oft im Internet abrufbar, kommt sie stets bodenständig, nahbar und verständig rüber. Aufgrund ihrer Forschung verstehen wir, was wir herkömmlicher Weise als Empathie bezeichnen viel präziser und können dadurch die breite Palette an zwischenmenschlichen neuronalen Interaktionspotenzialen besser steuern. Sie unterscheidet beispielsweise Empathie,   und Mitgefühl.  Genauer gesagt, beschäftigt sie sich als Soziale Neurowissenschaftlerin mit der Frage: „Wie kommt die andere Person in mein Hirn, wie verstehe ich deine Gedanken, deine Überzeugungen und Gefühle, obwohl ich nicht du bin?“

Zu Anfang hat sie unterschiedlichen sozialen Kompetenzen auch unterschiedliche Gehirnareale zuordnen können:

  • 1. Die Spiegelneuronen. Diese vollziehen Handlungen von anderen nach und führen zum Verständnis darüber, warum jemand eine bestimmte Handlung ausführen könnte.
  • 2. Empathienetzweke sind ähnlich, nachvollziehen aber keine Handlungen, sondern Gefühle und sind daher auch woanders im Gehirn zu finden.
  • 3. Mit Theory of Mind (kognitiver Perspektivwechsel) können wir verstehen was die andere Person glaubt und denkt –  was ja etwas komplett anderes sein kann, als das, was wir denken. Und auch dieses sitzt woanders im Gehirn.
  • Darüberhinaus gibt es 4. das Netzwerk für Mitgefühl.

Tanja Singer konnte nachweisen, dass Empathie, „wie nehme ich wahr, was du fühlst“ einerseits, und Mitgefühl, „Welche Gefühle habe ich für dich?“ andererseits, in unterschiedlichen Netzwerken sitzen, also unterschiedliche soziale Kompetenzen sind und getrennt angesteuert und auch trainiert werden können.  Das ist für Helferberufe, in denen Fachleute wie wir mit Menschen in Krisensituationen innerhalb eines Machtgefälles mit grosser Verantwortung und unter hohem Stress arbeiten, eine weltbewegende Nachricht.  Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer selbst zu fühlen, als ob es die eigenen wären, ohne dabei vom anderen „angesteckt“ zu werden, denn es gibt Gewissheit darüber, dass das wahrgenommene Leid zur Erfahrung der anderen Person gehört. Über eine solche „Ansteckung“ laufen Prozesse der Sekundärtraumatisierung, in unserem Fach insbesondere im insbesondere im Community Dolmetschen ein hohes Berufsrisiko.

Ich weiss also, dass das dein Gefühl ist und nicht meins, obwohl ich es selbst gerade fühle. Das funktioniert so, dass zum Beispiel der Schmerz einer verletzten Person die Neuronen bei der sie wahrnehmbaren Person feuern lässt, die zuständig sind für die selben Schmerzen. Auf diese Weise produziert sie die Schmerzen in ihrem eigenen Körper und kann ihn nachfühlen. 

Wenn wir aber gestresst sind, erschöpft sind, überfordert oder getriggert dann kann es passieren, dass die Unterscheidung vom eigenen und anderen Empfinden verschwimmt, dass es also keine Gewissheit darüber gibt, dass das, was ich gerade fühle, von der anderen Person kommt. Diesen Zustand nennt sie Personal Distress oder auch Empathic Distress. Fachleute in Helferberufen können in diesem Zustand ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil sie zu sehr mit ihrer Selbstregulierung zu tun haben und die Bedürfnisse ihrer Kund:innen, Patient:innen und Klient:innen nicht mehr wahrnehmen können. Das kann darüber hinaus auf Dauer zu Burnout führen. 

Mitgefühl befeuert viele Gehirnareale, die zusammen ein altruistisches Motivationssystem bilden für sozialen Zusammenhalt – ein wichtiger evolutionärer Vorteil, den unsere Spezies überlebt besser, wenn wir uns umeinander kümmern.  Wenn wir Mitgefühl haben, empfinden wir nicht die selben Gefühle der anderen Person nach – das passiert in einem anderen Gehirnareal. Wir sind statt dessen in einem Motivationszustand, der Liebe, Beziehungsfreundlichkeit, Wärme und allerlei andere positive Gefühle auslöst und uns dazu bringt, für die andere Person da zu sein und unsere eigenen Bedürfnisse zwar wahrzunehmen, aber in diesem Moment zurückzustellen. 

Tanja Singer hat Übungen entwickelt, damit Fachleute selbst merken können, wann genau sie von gesunder Empathie in empathischen Distress kippen und wie sie von dort ins Mitgefühl kommen können. An Mitgefühl kann man, so Singer, nicht ausbrennen. Mitgefühl steigert unsere Resilienz. 

Sie bietet verschiedene Workshopformate an, auf ihrer Webseite zu finden. Dabei leitet sie sehr präzise Übungen an, die die unterschiedlichen Gehirnareale ansprechen. Was mich besonders beeindruckt sind die intersubjektiven Meditationsformate. Das ist nicht nur wie in der klassischen Mindfulness, dass wir alleine vor uns hin meditieren, gibt es gibt auch Übungen zu zweit, um diese sozialen Kompetenznetzwerke aufzubauen und darüberhinaus auch Übungen, die gegenseitigen kognitiven Perspektivwechsel verfeinern. Die Effektivität dieser Übungen konnte man an der Zunahme an Neuronen in den jeweiligen Arealen messen und im Verhalten der Menschen nachverfolgen – egal wie alt diese Menschen waren. Diese Ergebnisse sind nicht weniger als sensationell und vor allem die Partner:innenübungen haben sich als sehr effektiv vor allem für extrem stressbelastete Menschen erwiesen. 

Zu ihren Veröffentlichungen gehört ihr kostenlos downloadbares Buch „Mitgefühl“ 

und alle anderen Buchveröffentlichungen zeigen für unseren Beruf wichtige Zusammenhänge auf, wie „Die Macht der Fürsorge“ aus 2016, oder „Mitgefühl in der Wirtschaft“ aus 2010. 

Ich würde vorschlagen, wir sehen uns bald in einem ihrer Workshops. 

EFSLI 2025 – Pastel de Nata

#efsliconfrence2025

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Cristina Gil und ihr Team haben die diesjährige Konferenz in Lissabon organisiert. Sie zeigt im Video die Gebärde für die Nationalspeise Pastel de Nata. Die Ethnologie der Gebärde ist auch köstlich: Sie ist zurückzuführen auf Kinder, die die wabernde Vanillefüllung als “wie reingerotzt” zeigten – daher das Zuhalten eines Nasenflügels mit dem Daumen und der Flugbewegung der Rotze entlang des kleinen Fingers

Cristina Gil

EFSLI 2025 – Gala

#efsliconference2025

Afterparty with Deaf DJs

EFSLI 2025 – Poster

#efsliconference2025

Von allen Postern kann ich leider nicht berichten, hier sind einige ausgewählte.

Azaria Francis und Helen Fuller. Über die Kluft: Ich bin ich aber wer sind wir?

Hallo, ich bin Helen – Ich bin Azaria und das ist unser Poster.

In diesem Poster geht es um die Reflexion kultureller Mediation in Dolmetschsettings mit Hilfe des Interpreting Power and Privilege Wheels (mitte). Wenn wir uns die eigene Verortung in diesem Rad in Bezug auf die Menschen, mit denen wir in den unterschiedlichen Settings zusammen arbeiten stets vergegenwärtigen, hilft uns das, unsere Beziehung im Machtgefälle der aktuellen Situation zu beurteilen und dabei die Mehrdimensionaliät und Dynamik unserer Identitäten zu Nutze zu machen, um aus den Identitäten, die in diesem Moment beziehungsförderlich sind, die Motivation für unsere Verhalten zu schöpfen.

Hier ist der Link zu einer Umfrage der beiden Autor:innen auf Englisch.

Helen Shingler. Die unerkannte kulturelle Kluft bezüglich Neurodiversität

Hallo, ich bin Helen. Tut mir leid, das hiesige Fingeralphabet fällt mir noch schwer. Hier geht es darum, wie wir als Dolmetschende den Bedarfen neurodiverser Kund:innen gerecht werden können.
Hier ist ein Link zur IS-Version.

Helen Shingler hat ein weiteres Poster im Angebot: Multitasking und immer Lächeln: Dein Deaf Heart behalten, während du gleichzeitig allerlei Herausforderungen beim Onlinedolmetschen jonglierst.

Shingler betont die Multitasking-Anforderungen bezüglich Onlinedolmetschen:

  • Interprersonal: Anrufer:innen, die mit der Anrufetikette nicht vertraut sind
  • Intrapersonal: Gibt es ein geteiltes Verständnis?
  • Paralinguistisch: Es ist wahrscheinlicher beim Onlinedolmetschen, dass überregionale Sprachnutzer:innen beteiligt sind und den Dolmetschenden unbekanntes Vokabular nutzen.
  • Umgebungsbedingt: Teilnehmer:innen können sich gegenseitig nicht sehen.

Dabei gibt es unterschiedliche kulturelle Prioritäten bei beiden Seiten, denn Taube Werte (nach Carol Lazorisak) sind: 1. Einstellung der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeigen, 3. Deren Wissen. Dagegen sind die Prioritäten bei Hörenden wie folgt: 1. Wissen der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeiten, 3. Deren Einstellung.

Für hörende GSD bedeutet das, dass ohne klare Strategien ethische Entscheidungen im Stress ad hoc getroffen werden, während der Anruf im Gange ist und das wiederum eine Tendenz zur Voreingenommenheit für die hörende Kultur zur Folge haben kann. Daher, so Shingler, sollten Dolmetschende sich eine Palette an Werkzeugen zulegen, die sie dazu befähigt, aktiv das gegenseitige Verständnis zu fördern, so wie im Poster von Mark Berry und Marlee Dyce dargelegt.

Und hier ist der Link zur IS-Version.

Mark Berry und Marlee Dyce. Was meinst du eigentlich? Sprachliche und kulturelle Feinheiten in anspruchsvollen Ferndolmetscheinsätzen meistern

Hallo, ich bin Mark. – Und ich bin Marlee. – Wir arbeiten bei Sorenson Communications. Hier beschäftigen wir uns mit der Herausforderung im Onlinedolmetschen, das Gehörte eben nicht wortgetreu in die Zielsprache zu übertragen, sondern das Gemeinte mitsamt feiner Bedeutungsnuancen zu erfassen und zielsprachlich zu formulieren. – Ja genau. Voraussetzung dafür ist es, sich vom Quelltext loszulösen. – Und durch die gewonnene Freiheit, die kulturelle Anpassung der Formulierung in der Zielsprache zu leisten.
Auf dem Poster ist ein Link zu einer Demo und einer IS-Präsentation

EFSLI 2025 – 12.09.25 Konferenztag 1

#efsliconference2025

Keynote: Robert Adam (Herriot-Watt). Deaf Spaces in Dolmetscher/Übesetzeraus- und -fortbildungen

In diesem Vortrag fächert Adam das Konzept Deaf Space in seine unterschiedlichen Aspekte auf, wie

  • Architektur
  • als soziokulturelles Konzept (Gulliver 2006)
  • als Deaf Geographies (Kusters 2010, 2015, Breivik et al 2012)
  • als historische Orte wie Schulen

Die Bedeutung von Deaf Space ist sehr weit gefasst. Es handelt sich nicht nur um Orte. Dabei hilft Bourdieus Habitusbegriff und der Begriff Kulturelles Kapital. In diesen Räumen gibt es einen bestimmten Habitus, anhand dessen GSD sich kulturelles Kapital aneignen oder verlieren können. Dabei sind weitere Konzepte wie

  • Intersectionality (Crenshaw 1989), die Verschränkung von mehreren Identitäten, die nicht in Stein gemeißelt sind
  • Chip Theory (McRuer 2007), um alle Behinderungen einzuschließen und sich nicht nur auf Taubheit zu fokussieren.
  • Queer Theory
  • Rolespace (Llewellyn-Jones und Lee 2013)

Das bedeutet für GSD Studiengänge und Ausbildungen, dass sie nicht nur Sprachen und Dolmetschen lernen, sondern lernen, wie sie sich in Deaf Spaces verhalten. Daher mössen sie 100 Stunden Praktikum im 3. Studienjahr leisten, und zwar in Taub-geführten Umgebungen. Sie können dadurch erleben, wie diese Umgebungen geschaffen sind und sich selbst darin erfahren. Das hat sich bewährt. Adam hat einen Verhaltenscodex (Code of Conduct) entwickelt, der angemessene Kommunikation und respektvolles Verhalten anleitet. Dadurch wird Bewusstsein dafür geschaffen, dass jegliches Verhalten von GSD den Deaf Space beeinflusst, es also Neutralität de facto nicht gibt.

Selina Jaques-King (Wolverhampton) “Der Punkt ist nicht, wie ich mich selbst wahrnehme, sondern wie ich von anderen wahrgenommen werde” BSL Dolmetschende of Color in England.

  •   Mit Ausnahme von Obasi 2013, West Oyedele 2015 und Ford 2021 ist dieses Thema nicht beforscht.
  •   In England sind GSD typischerweise weiss und weiblich (ASLI Census, Napier et al, 2021).
  •   GSD sind bei ihren Kund:innen in kritischen und intimen Lebensmomenten.
  •   Bilinguale und bikulturelle GSD (Grosjean 1996; Napier, McKee and Goswell 2010; Mindess und Holcomb 2011) sind wichtige kulturelle Mediator:innen, aber wie sieht es mit weiteren Minderheitenkulturen aus?

Wenn GSD Aufträge für nicht-Mainstream Veranstaltungen bekommen, müssen Sie den Auftrag erst einmal einschätzuen und planen. Z. B. Kulturelle und/oder religiöse Veranstaltungen wie Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen etc. Sie erzählst das eindrucksvolle Beispiel von einer karibischen Begräbnisfeier, die gar nicht so abläuft wie eine christliche Trauerfeier.

Wie Kultur mit unserer Wahrnehmung von anderen einhergeht:

  •   Wir können nicht davon ausgehen, dass das Aussehen einer Person auf ihre Herkunft oder Ethnizität schließen lässt, mit welcher sie sich selbst identifizieren.
  •   Wie du dich selbst wahrnimmst kann davon abweichen, wie andere dich wahrnehmen.
  •   Wir müssen unsere Wahrnehmung unserer Wahrnehmung bezüglich bewusster und unbewusster Vorurteile sensibilisieren, so dass wir diese möglichst ablegen.

Kulturelles Kapital

  •   Der Begriff von Bourdieu (2013) ist Teil der Selbstreflexion in unseren gängigen Curricula. Allerdings hat das manchmal gar nichts mit Kompetenzen zu tun, sondern einfach nur damit, wie du in diesem spezifischen Kontext aussiehst.
  •   Die Selbsteinschätzung kann daneben liegen.
  •   Wir müssen uns stets fragen, kann es wirken wie kulturelle Inbesitznahme, wenn ich diesen Auftrag übernehme?

Wie werden wir gute Allys?

  •   Ganz wichtig: Zuhören und den Menschen glauben, wenn sie von ihrer gelebten Erfahrung erzählen.
  •   Sich biden: Fachbücher lesen, sich fortbilden, sich mit anderen Kolleg:innen darüber austauschen.
  •   Nicht von den POC erwarten, dass diese dir alles erklären oder für deine Fragen zur Verfügung stehen.

In den Institutionen, wie z. B. Hochschulen oder Berfsverbänden gilt: mehr Repräsentation und dadurch Vorbilder schaffen. In die Öffentlichkeit und in die Communities hineintragen, dass GSD ein Beruf ist, mit dem man eine gute Karriere haben kann. Dabei darauf achten, dass die POC Vorbilder nicht als Tokens benutz werden und solidarisch im Vorfeld geeingete Arbeitsbedingungen für sie schaffen.

Sandra Pratt (Wolverhampton). Die Macht des Portraits: Die sprachliche und kulturelle Identität von britischen GSD-Studierenden entdecken.

Pratts Forschungsfrage lautet, ab wann fühlen sich GSD Student:innen als Teil der Gebärdensprachgemeinschaft?

“Who you act as being in interpersonal and intergroup interaction” (Schwartz et al 2011:2)

Pratt benutzt als Methode die Sprachportraits. Sie lässt welche in Bezug auf Sprachen und andere in Bezug auf Kultur

anfertigen und vergleicht diese. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass bei der multimedialen Reflexion nicht unbedingt Sprachen und über Sprachen transportierte Metaphern benutzt werden müssen.

Wofür stehen Muster, Orte, Symbole und Farben? Diese Freiheit und die darauf folgende gebärden-

sprachliche Besprechung dieser Portraits bietet Chancen, Neues über sich selbst zu erfahren. Pratt lässt diese während des Studiums mehrmals machen und vergleicht die Porträits über die Zeit. Sie macht die individuellen Schwellen aus, die den kulturellen Prozess der Identitätsbildung bei ihren Student:innen zeitigen.

Georgios Statis (Ionian University Christos Georgokostopoulos Thessaly). Digitalen Zugang in kulturellen Räumen sichern: Die Rolle der GSD

GSD bieten sprachlichen Zugang UND vermitteln Kultur und Identität. In einer Kulturlandschaft, wo sich Institutionen in Orte für Dialog mit aktiven Bürger:innen verstehen, spielen GSD eine wichtige Rolle. Statis machte eine große Umfrage unter den Besucher:innen von Museen in Griechenland. Alle Altersgrupppen waren vertreten. Ergebnisse sind: Hybride form von Zugang online und on-site wurden bevorzugt, also kein Entweder- oder, sondern Kombination. Technologie wurde befürwortet. Mit dem Status-quo sind die meisten nicht zufrieden. Sie sind mit den Dienstleistungen rund um ihre Partizipation nicht zufrieden. Auf die Frage, wie oft sie ins Museum gehen, schwankt es zwischen einmal im Jahr und einmal alle drei Monate. Inklusive Museen werden hingegen einmal im Monat aufgesucht. Museen sollten nicht nur auf einzelne Maßnahmen fokussiert sein, sondern holistische Inklusionsmaßnahmen rund um den Besuch bieten, mit Beratung von tauben Experten:innen. Auch zielgruppengerechte Werbung ist hier dabei. Technologien sollten zusätzlich genutzt werden. Das Museum der kykladischen Kunst hat eine App, die als best practice fungiert und vor Ort mit Dolmetschenden flankiert wird.


Gabriella Ardita (University of Catania und Italienischer Dolmetscherverband). Wie LIS Taube Nutzer:innen VRI Dienstleistungen wahrnehmen: Konsequenzen für Dolmetschaus- und Fortbildungen.

Ardita fragt in ihrer Studie nach den Bedarfen von tauben Nutzer:innen von online Dolmetschdienstleistungen. Sie resümiert, dass Onlinedolmetschen eine eigne Arbeitskultur begründet und gezielt, als Spezialisierung, gelernt werden muss. Sie selbst baut an ihrer Uni gerade in Modul zum Onlinedolmetschen auf.

Mark Berry und Wendy White (Sorenson Communications). Doppelt Stark: Zusammenarbeit in Taub-Hörenden Dolmetschteams stärken.

Wie beurteile ich, wann ein HGSD-TGSD Team notwendig ist? Das ist nicht beliebig, sondern kann nach bestimmten Faktoren beurteilt werden.

  • Einschätzung der Kund:innen: Gibt es Faktoren, die das Sprachverständnis in Verstehen und sich Äußern beeinträchtigen, z. B. Kognitiv (Sprachdeprivation etc.), emotional-verhaltensbedingt (ADHS etc.), Bildungsarmut, Alter, körperliche Beeinträchtigungen.
  • Risikoeinschätzung für die Auswirkung von kommunikativen Missverständnissen, wenn folgenreiche Entscheidungen gemacht werden. Beispiele sind medizinische Eingriffe, Gerichtsverhandlungen, Vormundschaften, Vertragsabschlüsse. Hier muss man so gut wie möglich sicherstellen, dass die Botschaften auch wirklich verstanden werden.
  • Bestimmte situative Faktoren wie Gerichtsverhandlungen, Psychotherapie, Bildung, Aufklärung bei medizinischen Eingriffen, um eine selbstwirksame, informierte Entscheidung treffen zu können.
  • Kulturelle Faktoren, z. B. Bei Konzerten und kulturellen Veranstaltungen.

Zusammen sind Taub-Hörende Dolmetschteams, so die beiden, unschlagbar, dafür gab es nur Zustimmung im Publikum.

Der letzte Vortrag hatte es in sich: Lorraine Leeson, Teresa Lynch, Déirdre Daly und Gráinne Meehan (Trinity College Dublin) haben Daten über die Geburten tauber Mütter aus qualitativen Interviews Daten erhoben, um bessere Dolmetschdienstleistungen für sie rund um Geburt und Schwangerschaftsvor- und Nachsorge zu ermöglichen. Denn aus den Interviews leitet sich ab, dass die Situation bis jetzt sehr schlimm ist. Angesichts der Alltäglichkeit und Urmenschlichkeit der existenziellen Erfahrung, die ganze Familien betrifft und die empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zumal, ist dieses Thema unvertretbar vernachlässigt und in der Forschung unterbelichtet, sie zeugt vor systemischer Gewalt an tauben Frauen. Das Forschungsteam kam zum Ergebnis, dass die betroffenen Frauen während der Geburt sehr oft ohne Dolmetschende auskommen mussten, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele mussten sich selbst um Dolmetschung kümmern oder ihre Familienmitglieder sollten dolmetschen. Sie wurden dadurch

  • im Unwissen gelassen wurden
  • Gestresst, besorgt, erschöpft und frustriert und orientierungslos
  • Misstrauten den hörenden Fachleuten, die sich um sie kümmerten,
  • Fühlten sich erniedrigt
  • Konnten kein informiertes Einverständnis zu Maßnahmen geben

Das bedeutet, dass Leib und Leben in Gefahr war durch die dysfunktionale Kommunikationssituation.

Das Team empfiehlt Dolmetschenden diese Fortbildung, um sich Grundwissen für Geburten anzueignen.

EFSLI 2025 – Freitag, 12.09.25 efsliday

#efsliconference2025

1. Workshop von Dr. Maya De Wit: Wie repräsentieren wir unsere Profession, wie arbeiten wir auf der europäischen und nationalen Ebene zusammen?

Take-away: Wir sollen am Schluss kurz, mittelfristige und langfristige Ziele formulieren und diese drei Aspekte dabei berücksichtigen. Führung und Management, Kommunikation nach innen und außen, Organisationsentwicklung (Bindung der Mitglieder, Eventorganisation, Zugänglichkeit,  Partnerschaften mit anderen Organisationen).

Umfragen auf Slido:

  • Woher kommt ihr? Die meisten Vertreter:innen im Publikum kommen aus Deutschland!
  • Welche Verbandsaufgaben machen wir gut? Die Antwort der meisten war „Die Abwicklung des Tagesgeschäfts“
  • Was sind die Herausforderungen? Eine breite Palette wird angeführt, vor allem: Aktivierung der Mitglieder, Zusammenarbeit mit einerseits den Behörden, andererseits der Gehörlosengemeinschaft, Arbeitsbedingungen und Kommunikation.
  • Wie zufrieden sind die Mitglieder mit der Arbeit des Bundesverbands? Welchen Vorteil haben die Mitglieder durch die Mitgliedschaft? Z. B. Dient die Mitgliedschaft nach außen als Qualitätsmerkmal (Logo im Briefkopf oder Email), über aktuelle Entwicklungen informiert werden, Arbeitsbedingungen gestalten und durchsetzen, professionelle Entwicklungsmöglichkeiten …

Die grosse Umfrage von Maya 2020 zeigte folgende Ergebnisse (Bild). Interessant, laut Maya, der Punkt Qualitätskontrolle, auf den sie im zweiten Workshop eingeht.

 

Wie kannst du deinen Verband stärken? Aus dem Beispiel Holland ist das wichtigste, das institutionelle Wissen, also Was und wie machen wir im Verband, festzuhalten, um es weiterzugeben. Mit allen Verbündeten dem Staat gegenüber solidarisch auftreten. Aus der 2020 Umfrage ergibt sich, dass Dolmetscherverbände im sehr geringen Umfang an politischen Prozessen beteiligt sind, die zur Umsetzung der Ansprüche für Dolmetschleistungen führen.

Projekte kann man mit EU Geldern umsetzen, EFSLI kann bei der Beantragung unterstützen. Maya ruft zur Sammlung von Daten auf: ProQuest kostenlos für Vereine kann man für Umfragen nutzen. Auch Google Workspaces ist für Vereine kostenlos.

2. Workshop von Dr. Maya De Wit: Qualitätssicherung

Qualität: Wer bestimmt diese? Kommt drauf an, denn je nach Perspektive und Kontext kann die Definition unterschiedlich sein. In einer Gruppe sollten wir fragen, welche Quaitätssicherungsmassnahmen es bei unseren Verbänden gibt. Ich habe mit Holland und Litauen in der Gruppe diskutiert und herausgefunden, dass die Holländer daran arbeiten, Spezialisierungen in bestimmten Fachbereichen nachweisen lassen zu können, um dem Bedarf aus der Community nachzukommen (Dolmetschen in zusätzlichen Fremdsprachen oder Fachbereichen), um dafür dann höhere Honorare zu bekommen. Die Holländer, wie auch wir, nehmen als Qualitätssicherungsmassnahme nur GSD mit anerkannten Abschlüssen in die Verbände auf. In Litauen gibt es nur eine Hochschule mit einer 3-jährigen Berufsausbildung. Es gibt etwa 100 GSD und davon haben die wenigsten einen Abschluss. Der Verband nimmt also alle auf, ob Abschluss oder nicht.

Abschluss: Formuliere deine nächsten Schritte, um QS in deinem Land voranzubringen.

 Hier sind Maßnahmen unseres Bundesverbandes:

  • Daten sammeln über den Bedarf der Kund:innen (z. B. Spezialisierungen, Kompetenzen etc.)
  • Feedbackmanagement nach innen und außen.
  • Engere Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, inkl. Zugänglichkeit, insbesondere der Gehörlosenverbände.
  • Laufend Fortbildungen anbieten.
  • Mitglieder auf dem Laufenden über aktuelle Forschung, Events und relevante Diskurse halten.

Dr. Maya De Wit macht schließlich Werbung für ein Event im Herbst in Siena, Wo es einen innovativen internationalen Studiengang für GSD gibt. Dort präsentieren an zwei Tagen, 9/10 Oktober, die Absolvent:innen ihre Abschlussarbeiten, darunter auch unsere Anja Saft.

3. Workshop vom EUD Franky Picron

Auf EU-Ebene gibt es unter anderem Projektgelder für folgende Bereiche:

  • Erasmus+ für Bildung, Fortbildung, Mobilität: Standards für Dolmetscher Aus- und Fortbildung, Entwicklung von Lehrplänen.
  • Horizon Europe für Forschung und Innovation
  • Creative Europe für Kultur und sprachliche Diversität. Diesen finde ich für die Verbände sehr interessant, denn hier kann man internationale Projektanträge für die Zusammenarbeit von tauben und hörenden GSD im Bereich der Künste stellen.

Herausforderungen auf EU-Ebene

  • Anerkennung des Berufs ist in den Ländern unterschiedlich
  • Berufsbild TGSD, Schriftdolmetscher:innen und Dolmetscher:innen für Taubblinde sind noch kaum anerkannt
  • Ausbildungen sind nicht standardisiert
  • Prekäre Berschäftigungsverhältnisse und Preisdumping werden gefördert
  • Dolmetschermangel insbesondere im Stadt-Land Gefälle
  • Zu wenig Partizipation von tauben Personen, insbesondere in Aus- und Fortbildung und Evaluierung von Maßnahmen

Gruppendiskussion über Allyship: Meine Gruppe kam zum Schluss, dass für stärkere Allyship ein top-down und ein Button-up Ansatz gleichermaßen förderlich wäre. Buttom-up, weil wir in einer immer polarisierteren („schwarz-weiss-denkenden“) Gesellschaft leben, wo taub-hörend als natürlicher Gegensatz in Stein gemeißelt wird. Es gibt schon Gegenbewegungen zu diesem allgemeingesellschaftlichen Trends. Ich bin zum Beispiel Teil des Pocket-Projekts, einer globalen Bewegung, die diesem Trend entgegenwirkt. Da wir hörenden privilegiert sind im Zugang zu solchen Bewegungen und ihren Bildungsangeboten, können wir zuerst bei uns selbst anfangen und gleichermaßen an unserer eigenen geistigen Reflexion zu unserer Offenheit sowie an unserer Beziehungskompetenz (Emotional IQ) arbeiten. In der kollektivistischen Gehörlosengemeinschaft sind gute persönliche Beziehungen sowieso die Bedingung zur Zusammenarbeit. Das kann jede:r von uns selbst, also von unten, Leisten. Auf der Verbandsebene, höher im System, ist eine Vorbild gebende Zusammenarbeit von Dolmetschverband und Gehörlosenverband ausschlaggebend, das sehen wir am Beispiel Belgien. Die erzählen auch, dass auf Systemebene, also top-down, bestimmte Rahmenbedingungen hilfreich sind, die Konkurrenzkämpfe um Ressourcen aus dem Weg räumen: Der Staat fördert und bezahlt den Einsatz von gemischten Teams. Die Belgier, hier zwei junge Vertreter:innen unseres Berufsstands, kennen es gar nicht anders als harmonisch mit den tauben Kolleg:innen und Kund:innen. Whow, das macht Hoffnung.

Sarah Caminada (Schweiz), Anja Saft und Oya Ataman (Deutschland)

EfsliT Workshop „Trauma-informed interpreting“ July 16th, 2025

I had the honor of being invited to introduce my colleagues from all over Europe, and especially Poland, into Trauma-informed interpreting in Warsaw for a day. The approach taken in this workshop focuses on improving the quality of our interpretation and teaching practice by fostering the quality of our relationships to our customers, to our students and to ourselves. Different kinds of trauma are implicit in our interactions and shape our physical, mental and emotional state, impacting both our understanding of our source text and our production of our target text. This workshop suggests frameworks, tools and skills to notice this impact and deliberately fine-tune our relationships to benefit the skopos of the interaction within the value-system of our honorary code. If you are interested in hosting me for a similar workshop, please write me.

Aufsatz über Blickarbeit

Maartje de Meulder und Christopher Stone haben gerade einen Aufsatz über die Unsichtbar gemachte Gaze Work, also “Blickarbeit” gebärdensprachlicher Rezipient:innen von Dolmetschdienstleistungen veröffentlicht mit der provokativen Frage im Titel: Finally Free from the Interpreter’s Gaze? (Endlich frei vom Dolmetscherblick?). 

De Meulder, Maartje and Stone, Christopher (2024) „Finally Free from the Interpreter’s Gaze? Uncovering the Hidden Labor of Gaze Work for Deaf Consumers of Interpreter Services,“ International Journal of Interpreter Education: Vol. 15: Iss. 1, Article 8.

Was ist Blickarbeit?

Mit Blickarbeit verstehen die Autor:innen Maartje de Meulder und Christopher Stone die visuelle Aufmerksamkeitsökonomie, die diskursiv erst seit der massiven Nutzung von Dolmetschdienstleistungen via Onlineplattformen Anerkennung findet. Der normalisierte Aufwand der gebärdensprachlichen Rezipient:innen in Präsenzsettings besteht in der Erwartung, dass die Dolmetschenden von ihnen stets visuell fokussiert werden, von ihnen ein Feedback bekommen darüber, ob sie ihre Aufmerksamkeit haben und verstanden werden (bachkchanneling). Diese Arbeitsleistung wird erst jetzt in der veränderten Blickökonomie am Bildschirm deutlich, wenn der Blickkontakt aufgrund technischer Gegebenheiten nicht eingefordert werden kann. Die Autor:innen empfinden die Entbindung von dieser Erwartung als befreiend. Um diese blickökonomische Forderung, die also bis dato überhaupt kein Thema war und welcher ganz selbstverständlich, als völlig normal erklärt, von Seiten der Rezipient:innen folge geleistet wurde, geht es den beiden Autor:innen. Sie fragen nach dem Ursprung und der Motivation für diese nun entlarvte, benachteiligende Normalisierung. Die Autor:innen schreiben aus ihrer eigenen Erfahrung in akademischen Settings (einschliesslich ihrer Peergroup)  und überlassen uns Leser:innen, diese Erkenntnisse auch auf andere Settings zu übertragen. Dabei soll bedacht werden: Dolmetschen in einem akademischen Setting unterscheidet sich unter anderem darin, dass die Rezipient:innen in der Regel sowohl ein höheres Bildungsniveau haben als in anderen Settings, als auch viel mehr Erfahrung im Umgang mit Dolmetscher:innen.

Die Ideologie dahinter

Die Autor:innen vermuten, dass der Ursprung dieser Normalisierung auf der Annahme beruht, dass Dolmetschung der Teilhabe von gebärdensprachlichen Menschen dient. Diese Ideologie impliziert, dass diese ohne Dolmetscher:innen nicht teilhaben können. Daher nehmen letztere an, dass jegliche Information, die ihre Kund:innen zugute kommt, lediglich von ihnen kommen kann. Diese Grundannahmen werden schon in Dolmetschausbildungen gelehrt. Die Autor:innen schreiben, dass diese Haltung die Kompetenz ihrer Rezipient:innen, multimodal Information wahrzunehmen, völlig unterschätzt.

Es geht den beiden um die Erwartungshaltung, mit der Dolmetschende und ihre Kund:innen unter Leistungsdruck gesetzt werden: Dolmetschende müssen möglichst alle Informationen liefern und die Kund:innen müssen alles Verstehen und dies den Dolmetschenden stets rückmelden. Das belastet beide Seiten. Die Last für die Dolmetschenden wird in dem Aufsatz indirekt deutlich in der anekdotischen Erwähnung bestimmter typischer aufmerksamkeitsstrategischer Verhaltensweisen, um zu vermeiden, dass die Kundschaft Fragen stellt, die womöglich offenbaren, dass diese Teile des Vortrags nicht verstanden oder nicht mitbekommen haben und dies dann möglicherweise Rückschlüsse auf die Unfähigkeit der dolmetschenden Person zulässt, was schambehaftet wäre. Würden sie dann überhaupt nochmal bestellt werden? 

Die Benachteiligung

In dem Aufsatz geht es aber vorwiegend um die kognitive Beslastung tauber Rezipient:innen der Dolmetschleistung im Kontext der Privilegien hörender, mit der Mehrheitsgesellschaft identifizierter Menschen. Wer ist in der privilegierten Position, welchen Blick einzufordern?

Blickökonomische Freiheit

Als Dolmetschende während der Corona-Pandemie zunehmend damit konfrontiert waren, ohne backchanneling, also ins Leere, zu arbeiten, fiel vielen das schwer. Manche haben verlangt, die Kund:innen online zu sehen, obwohl hörende Teilnehmende ihre Kamera aus haben konnten. Die Autori:nnen sehen darin eine Verlagerung des kognitiven Leistungsdrucks von den Empfänger:innen der Dolmetschdienstleistung auf die Dolmetschenden. Sie weisen darauf hin, dass diese Art, ohne Backchanneling zum arbeiten, möglicherweise Konferenzdolmetschen von Communitydolmetschen in gebärdeten Arbeitssprachen unterscheiden könnte. Sie fordern, dass in Ausbildungen die visuelle Aufmeksamkeitsökonomie thematisiert und für eine Bandbreite von Rezipient:innen sensibilisiert wird. Einerseits wird die kognitive Belastung für gebärdensprachliche Rezipient:innen  angesichts der vielen simultanen visuellen Reize thematisiert, wenn sie zusätzlich zur Selbstpräsentation der Vortragenden und ihrem visuellen Input, z. B. Power-Point Präsentation, ungleich dem hörenden Publikum auch noch die Dolmetschenden verfolgen müssen und womöglich zusätzlich dazu Livetext bekommen. Andererseits wird gefordert, in die kognitiven und blickökonomischen Strategien der Rezipient:innen zu Vertrauen, die dafür Strategien entwickelt haben – denn Gebärdensprachnutzende haben ein viel weiteres Gesichtsfeld als andere. 

Fazit

In klaren Worten entlarvt der Artikel also die ideologische Annahme, dass Dolmetschende stets die wichtigste und einzige Informationsquelle für taube Nutzer:innen ihrer Diensleistung sein sollen. Es gibt viele Gründe, warum Kund:innen ihren Blick wandern lassen möchten und oder ihre eigene Kamera abgeschaltet lassen möchten, und das gilt es zu respektieren und Strategien zu finden, um in dieser wohl ungewohnten Situation die Kund:innenen zufriedenzustellen. 

Mein Kommentar

Meiner Überzeugung nach ist diskriminierende Praxis für alle beteiligten belastend, sogar für diejenigen, die offensichtlich daraus Nutzen ziehen. Dieser Nutzen kommt zu einem Preis, und wir sollten uns fragen, ob wir den wirklich zahlen wollen. Der Leistungsdruck, die einzige Informationsquelle zu sein, belastet auch uns Dolmetschende. Denn es ist ein unmöglicher Anspruch, sicherzustellen, dass alles gesagte auch richtig verstanden wird – wie soll denn das gehen? Unmöglich zu erfüllende Ansprüche kenne ich aus meinem Leben als weiblich gelesene Person und als türkische Bildungsinländer:in zur Genüge. Sie sorgen dafür, dass wir uns an unausgesprochenen, unerreichbaren und widersprüchlichen Standards messen, ausbrennen und stets versagen. Dieser Leistungsdruck, in alleiniger Verantwortung die Barierefreiheit herzustellen, in einer audistischen Gesamtgesellschaft kann auch als Übertragung der gesellschaftlichen Verantwortung, selbst zur Barrierearmut beizutragen, verstanden werden – nach dem Motto: Dolmetscher da, erledigt. Dabei haben wir doch schon ein tragfähiges Dolmetschmodell, welches geteilte kommunikative Verantwortung in stets ko-konstruierten Interaktionen reflektiert, nämlich Role-Space. Von dieser Theorie zur Praxis ist es für jede:n für uns relevant, uns mit den, in diesem Artikel gestellten Fragen auseinanderzusetzen. Wie geht es euch damit, “ins Leere” zu dolmetschen? Gibt es Dinge, die dabei anstrengender sind, oder auch leichter fallen? 

EFSLI 2024 in Turin – Tag 1

Donnerstag, 13.- Sonntag 15. 9. 2024

Programm findet ihr hier

Donnerstag, Deaf Interpreter Day: Die Konferenz beginnt mit dem Wunsch, die Vertretung von TGSD in EFSLI zu stärken. Zusammenfassend sei die Vision der Zusammenarbeit harmonisch und empowernd, man freue sich über die kommenden Änderungen mit dem Ziel, in EFSLI sowohl hörende, als auch taube Kolleg:innen zu vertreten. Dazu gehört es zB die Satzung in Richtung Barrierefreiheit und Partizipation zu ändern und in den 6-köpfigen Vorstand TGSD zu wählen. Zukunftsvisionen für EFSLI sollten in der zweiten Tageshälfte von Arbeitsgruppen entwickelt werden. Die dringendsten Aspekte der Teilnehmer:innen sind eine bessere Zusammenarbeit von GSD und TGSD als grundlegenden “Kulturwandel” und die Vorbildfunktion von EFSLI diesbezüglich, die auf nationale und regionale Berufsvertretungen einwirken soll. Ausserdem eine Hinwirkung auf mehr Diversität in unseren Reihen. Beides soll schon in den Ausbildungen angelegt sein. Unser Beitrag rückte die Rolle von KI in unserem Berufsfeld in den Vordergrund mit der Folge, dass wir unsere Berufsfelder betreffend die Trennschärfe zwischen “Übersetzen” und “Dolmetschen”, TGSD und GSD überdenken und neue Berufsfelder gemeinsam erkunden müssen. 

Die Konferenzsprachen sind durchgehend gebärdete Sprachen, International Sign und Italienische Gebärdensprache (LIS), damit sich alle Teilnehmer:innen wohl-fühlen. Lautsprachdolmetschende sind für diejenigen, die sich in International Signs unsicher sind, durchgehend via Kopfhörer für Italienisch und Englisch da. Für die Zwischengespräche sind alle angehalten, zu gebärden. Mit vielen leisen und lauten Erinnerungen klappt das immer besser :). Links ist die Gebärde für DI, Deaf Interpreter, die gerade verwendet wird.

Konferenzbericht

Auf der zweiten Konferenz zum Dolmetschen in Fernsehen und Medien kristallisierte sich zunehmend heraus, dass Dolmetschen in den Medien sich von anderen Fachgebieten wie Konferenz- oder Communitydolmetschen deutlich unterscheidet. Auch Diversität war ein Thema während der Diskussionen. Es gab Teilnehmende von Island bis Neuseeland. Ich möchte hier auf deutsch über die diesjährige Konferenz berichten. Einen extra Bericht gibt es von Merve Dogan auch auf türkisch.

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EFSLI 2025 – 13.09.25 Konferenztag 2

#efsliconference2025

Lindsey D. Snyder (University of Maryland). Theater ist politisch: Aus- und Fortbildungen von Dolmetschenden für die Darstellenden Künste im 21. Jahrhundert

In Zeiten der Kürzungen öffentlicher Gelder und ideologischer Reglementierung der darstellenden Künste – in den USA ist es ja heutzutage noch schlimmer als in Deutschland – ist die Bedeutung des Theaters als Ort des Widerstands um so wichtiger. Damit ist auch Zugang zum Theater um so politischer. Snyder nutzt Prism Theory als pädagogischen Ansatz, ein Modell das das Prisma als Metapher nutzt, um Pädagogik unter diesen Aspekten zu verstehen: 1) Erwerb von Kompetenzen, 2) Perspektivwechsel, 3) persönliche Entwicklung, 4) sozialer Aktivismus. Snyder argumentiert, dass wir es in unsere Arbeit tagtäglich mit Inszenierungen zu tun haben, die wir durchaus als theatralische Darstellung verstehen können, zum Beispiel die Reden von Politiker:innen (mein Kommentar: … nicht zuletzt sein Erving Goffmans dramaturgischer Ansatz, welche zwischenmenschliche Interaktion als Theater begreift). Daher sollten wir darstellende Künste in unseren Curricula aufnehmen.

Hier möchte Snyder mit interessierten Dolmetscher:innen Kontakt aufnehmen.

Camilla Warnicke, Catrin Thorin, Elin Svanerud, Jonas Brännvall, Magnus Ryttervik & Malin Tesfazion (Stockholm University). Kulturelles Wissen und Sprachliche Kompetenzen im akademischen Setting entwickeln.

Die Schweden haben ihren Studiengang vorgestellt und erzählt, wie sie ihren Student:innen Gehörlosenkultur beibringen. Dabei sind:

  • Bezahlte taube Teilnehmende Personen im Lehrbetrieb für Rollenspiele etc.
  • Zusammenarbeit mit tauben Rentner:innen
  • Gebärdensprachcafe
  • Studienaufenthalte (Day of Deaf People)
  • Mitarbeit in örtlichen Gehörlosenverbänden
  • Kick-off-Week am Beginn des 2. Semesters, zum einwöchigen immersiven Sprachaufenthalt bei bezahlten Tauben Gastgeber:innen
  • Zusammenarbeit bei behördlichen Maßnahmen für Arbeitssuchende taube Menschen (z. B. Rollenspiele)

Es ist schwierig, die Student:innen davon zu überzeugen, ihre Freizeit bei Tätigkeiten innerhalb der Gehörlosengemeinschaft zu verbringen und die dort geschaffenen Kontakte auch kontinuierlich zu pflegen. Auch die Diversität der Community kann hier nicht abgebildet werden. Es ist ein Balanceakt, bei der Platzierung der Student:innen die Community nicht zu stören oder auch auszunutzen, und auch die Community ändert sich fortlaufend, da müssen auch die Unternehmungen sich anpassen.

Carolin Denmark (Sorenson). Entwicklungsjahre: sind die GSD des 21. Jahrhunderts “kulturlos”?

Denmark zeigt eine Filmaufnahme von gebärdenden Geistlichen von 1933, um zu zeigen, wie lebhaft und humorvoll sie als Vertreter unterschiedlicher Generationen miteinander interagieren. Diese generationenübergreifende Interaktion fehlt ihr im heutigen Alltag, auch in den Dolmetschausbildungen. Sie fordert eine kulturelle Allianz zur Förderung persönlicher, immersiver Interaktion, um die Kultur nicht nur zu lernen, sondern auch am Leben zu halten.

Abschluss

Nach den Danksagungen für die großartige Arbeit der diesjährigen Organisator:innen verkündet DeafEfsli, dass sie demnächst Fortbildungen und Veranstaltungen anbieten werden. Die nächste Konferenz wird vom 10. – 13. September 2026 in Zagreb, Kroatien stattfinden und danach wird von 16. – 18. April 2027 die Konferenz in Berlin sein (ausnahmsweise im April, weil Wasli im September stattfinden wird). Das Motto für Zagreb wird “Education”, also Bildung sein. Vorschläge für das Thema für Berin, nehme ich dankend hier in den Kommentaren entgegen 🙂

… und hier unser Deutschland Gruppenfoto!