Stress und Sekundärtrauma in unserem Arbeitsalltag vorbeugen und bewältigen: die Arbeit von Tania Singer, Soziale Neurowissenschaftlerin.

Tania Singer ist auf ihrem Gebiet ein Superstar – und in ihren zahlreichen Vorträgen, live und oft im Internet abrufbar, kommt sie stets bodenständig, nahbar und verständig rüber. Aufgrund ihrer Forschung verstehen wir, was wir herkömmlicher Weise als Empathie bezeichnen viel präziser und können dadurch die breite Palette an zwischenmenschlichen neuronalen Interaktionspotenzialen besser steuern. Sie unterscheidet beispielsweise Empathie, und Mitgefühl. Genauer gesagt, beschäftigt sie sich als Soziale Neurowissenschaftlerin mit der Frage: „Wie kommt die andere Person in mein Hirn, wie verstehe ich deine Gedanken, deine Überzeugungen und Gefühle, obwohl ich nicht du bin?“
Zu Anfang hat sie unterschiedlichen sozialen Kompetenzen auch unterschiedliche Gehirnareale zuordnen können:
- 1. Die Spiegelneuronen. Diese vollziehen Handlungen von anderen nach und führen zum Verständnis darüber, warum jemand eine bestimmte Handlung ausführen könnte.
- 2. Empathienetzweke sind ähnlich, nachvollziehen aber keine Handlungen, sondern Gefühle und sind daher auch woanders im Gehirn zu finden.
- 3. Mit Theory of Mind (kognitiver Perspektivwechsel) können wir verstehen was die andere Person glaubt und denkt – was ja etwas komplett anderes sein kann, als das, was wir denken. Und auch dieses sitzt woanders im Gehirn.
- Darüberhinaus gibt es 4. das Netzwerk für Mitgefühl.
Tanja Singer konnte nachweisen, dass Empathie, „wie nehme ich wahr, was du fühlst“ einerseits, und Mitgefühl, „Welche Gefühle habe ich für dich?“ andererseits, in unterschiedlichen Netzwerken sitzen, also unterschiedliche soziale Kompetenzen sind und getrennt angesteuert und auch trainiert werden können. Das ist für Helferberufe, in denen Fachleute wie wir mit Menschen in Krisensituationen innerhalb eines Machtgefälles mit grosser Verantwortung und unter hohem Stress arbeiten, eine weltbewegende Nachricht. Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer selbst zu fühlen, als ob es die eigenen wären, ohne dabei vom anderen „angesteckt“ zu werden, denn es gibt Gewissheit darüber, dass das wahrgenommene Leid zur Erfahrung der anderen Person gehört. Über eine solche „Ansteckung“ laufen Prozesse der Sekundärtraumatisierung, in unserem Fach insbesondere im insbesondere im Community Dolmetschen ein hohes Berufsrisiko.
Ich weiss also, dass das dein Gefühl ist und nicht meins, obwohl ich es selbst gerade fühle. Das funktioniert so, dass zum Beispiel der Schmerz einer verletzten Person die Neuronen bei der sie wahrnehmbaren Person feuern lässt, die zuständig sind für die selben Schmerzen. Auf diese Weise produziert sie die Schmerzen in ihrem eigenen Körper und kann ihn nachfühlen.
Wenn wir aber gestresst sind, erschöpft sind, überfordert oder getriggert dann kann es passieren, dass die Unterscheidung vom eigenen und anderen Empfinden verschwimmt, dass es also keine Gewissheit darüber gibt, dass das, was ich gerade fühle, von der anderen Person kommt. Diesen Zustand nennt sie Personal Distress oder auch Empathic Distress. Fachleute in Helferberufen können in diesem Zustand ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil sie zu sehr mit ihrer Selbstregulierung zu tun haben und die Bedürfnisse ihrer Kund:innen, Patient:innen und Klient:innen nicht mehr wahrnehmen können. Das kann darüber hinaus auf Dauer zu Burnout führen.
Mitgefühl befeuert viele Gehirnareale, die zusammen ein altruistisches Motivationssystem bilden für sozialen Zusammenhalt – ein wichtiger evolutionärer Vorteil, den unsere Spezies überlebt besser, wenn wir uns umeinander kümmern. Wenn wir Mitgefühl haben, empfinden wir nicht die selben Gefühle der anderen Person nach – das passiert in einem anderen Gehirnareal. Wir sind statt dessen in einem Motivationszustand, der Liebe, Beziehungsfreundlichkeit, Wärme und allerlei andere positive Gefühle auslöst und uns dazu bringt, für die andere Person da zu sein und unsere eigenen Bedürfnisse zwar wahrzunehmen, aber in diesem Moment zurückzustellen.
Tanja Singer hat Übungen entwickelt, damit Fachleute selbst merken können, wann genau sie von gesunder Empathie in empathischen Distress kippen und wie sie von dort ins Mitgefühl kommen können. An Mitgefühl kann man, so Singer, nicht ausbrennen. Mitgefühl steigert unsere Resilienz.
Sie bietet verschiedene Workshopformate an, auf ihrer Webseite zu finden. Dabei leitet sie sehr präzise Übungen an, die die unterschiedlichen Gehirnareale ansprechen. Was mich besonders beeindruckt sind die intersubjektiven Meditationsformate. Das ist nicht nur wie in der klassischen Mindfulness, dass wir alleine vor uns hin meditieren, gibt es gibt auch Übungen zu zweit, um diese sozialen Kompetenznetzwerke aufzubauen und darüberhinaus auch Übungen, die gegenseitigen kognitiven Perspektivwechsel verfeinern. Die Effektivität dieser Übungen konnte man an der Zunahme an Neuronen in den jeweiligen Arealen messen und im Verhalten der Menschen nachverfolgen – egal wie alt diese Menschen waren. Diese Ergebnisse sind nicht weniger als sensationell und vor allem die Partner:innenübungen haben sich als sehr effektiv vor allem für extrem stressbelastete Menschen erwiesen.
Zu ihren Veröffentlichungen gehört ihr kostenlos downloadbares Buch „Mitgefühl“
und alle anderen Buchveröffentlichungen zeigen für unseren Beruf wichtige Zusammenhänge auf, wie „Die Macht der Fürsorge“ aus 2016, oder „Mitgefühl in der Wirtschaft“ aus 2010.
Ich würde vorschlagen, wir sehen uns bald in einem ihrer Workshops.






























