Konferenzbericht

Herbst 2019 fand die erste Konferenz organisiert von Maya de Wit über Dolmetschen im Fernsehen und Medien in London vor Ort statt: 2019 seminar Sign Language Interpreting on TV & Media. Auf dieser, Maya de Wits Seite, ist auch ein Link zum englishen Konferenzbericht von 2019. Auch ich war dort und konnte die Inhalte der hervorragenden Vorträge und Diskussionen direkt für meine Arbeit nutzen. Einige der Vortragenden waren damals am Anfang ihrer Forschung und haben sie mittlerweile auch veröffentlicht. Ein Blick darauf lohnt sich sehr. Diesmal waren die Inhalte eine Bestandsaufnahme nach den einschneidenden Ereignissen der Corona Pandemie und deren positiver Effekt auf die Medienpräsenz von Dolmetschenden in Gebärdensprachen in vielen Ländern der Welt. Die Suche nach Qualitätsstandards und Best Practice war allgegenwärtig, bis hin zur  Frage, ob es nützlich wäre, einen entsprechenden ISO Standard zu verfassen.

Ausschnitt aus dem Ankündigungsplakat wie alle folgenden Bilder

Paal Richard Peterson aus Norwegen eröffnete den Tag mit der ehrgeizigen Frage, was wirklich gutes Dolmetschen in den Medien ausmacht. Es genügt nun nicht mehr, dass überhaupt einer da ist – jetzt streben wir nach Exzellenz. Bei der Suche nach Antworten nimmt Peterson die Perspektive des tauben Zuschauers ein. Die Messlatte muss sein, dass alles, was hörenden Zuschauern angeboten wird, für das taube Publikum so zielsprachlich wie möglich zugänglich ist. Das gelingt am besten, wenn Dolmetschende in ihre A-Sprache, also ihre Muttersprache, arbeiten. Das wiederum ist typisch für TGSD. Als die Norweger nach der Konferenz 2019 einsahen, dass sie zu wenige TGSD in den eigenen Medien beschäftigten, änderten sie das kurzerhand und sind dabei Empfehlungen für Best Practice auszuarbeiten. Peterson hat seine Kriterien in 4 Blöcke gegliedert und wirft darin Fragen auf, von denen er nur einige auch selbst beantwortet.

Zunächst zählt der visuelle Gesamteindruck. Wo soll der/die TGSD hin? Wie groß soll er/sie sein? Wie soll das Erscheinungsbild des GSD sein? Mit oder ohne Brille? Welche Farbe soll die Kleidung haben? Ist jede/r geeignet? Die Zauberformel ist eine Kombination aus, so Peterson, Energie und Klarheit.

Dann geht es um Sprachliche Kriterien. Wer ist überhaupt das Zielpublikum? Ist es eine monolithische Masse aus einheitlichen kommunikativen Bedürfnissen und Interessen? Wohl kaum. Ist die Sendung für Kinder? Sportfans? Woher wissen wir das? Daran muss das Register angepasst werden. Ein Vergleich zu den Printmedien zeigt, dass durchaus sprachliche Unterschiede zwischen Büchern und Zeitschriften für Kinder, für ein Mainstreampublikum und für ein gebildetes bzw. spezialisiertes Publikum oder andere gemacht werden. Das kann man auch auf die Fernsehmedien übertragen. Welche Gebärden in welchem Register verwendet werden, z. B. Namensgebärden, richtet sich stets nach der Verwendung in der entsprechenden Community und nicht danach, ob sie für lautsprachliches Publikum peinlich oder abwertend aussehen. Auch Gebärdennamen wie die für Donald Trump kann man mit einem Pokerface ausführen damit negativen Assoziationen den Raum nehmen. Unabhängig vom Register gilt: Nicht alles, was gesagt wird auch gedolmetscht. Aus Adam Stones Vortrag von 2019 wissen wir, dass GSD diejenige Information, die schon im Fernsehbild zu sehen ist, nicht reproduzieren sollen, auch wenn die Nachrichtensprecher*innen diese Bilder beschreiben. Die Begründung dafür ist, dass Bildbeschreibungen für das lautsprachliche Publikum benötigt werden, auf das gebärdensprachliche jedoch verwirrend wirken und ihnen außerdem zeitlich keine Gelegenheit lassen, die visuellen Bildinhalte überhaupt zu rezipieren.

Der nächste Kriterienblock besteht aus dem Verhalten der Dolmetschenden. Die Britische All-Deaf Fernsehredaktion Red Bee stellte 2019 die Dolmetscherwechsel alle 15 Minuten speziell für das Dolmetschen in den Medien infrage. Aus der Forschung weiss man, dass der kognitive Prozess der Rezipient*innen, sich auf den Dolmetscherwechsel einzulassen bis zu 8 minuten dauert. Daher brauchen wir Strategien, eine TGSD ohne inhaltliche und gesundheitliche Abstriche länger arbeiten zu lassen. Eine Strategie ist Feeden. Außerdem zwingt die Zweidimensionalität des Fernsehbildes dazu, sich Strategien für die Abbildung der dreidimensionalen Sprache zu überlegen. Dabei spielt z. B. der Sprecherwechsel eine Rolle. Ein Vorschlag wäre, bestimmte Merkmale zu nutzen, um klar zu stellen, wer was sagt, z. B. “rotes Hemd”. Zum Verhalten gehört natürlich auch die Vorbereitung und dazu gibt es einen hervorragenden Vortrag von Aleksandra Kalata-Zawlocka. Aus all dem wird klar, so Peterson, wie dringend wir mehr Forschung zu diesen aufgeworfenen Fragen brauchen.

Schon 2019 stellte Marta Bosch Ballarda ihre Forschung vor, von der die Ergebnisse nun veröffentlicht sind. Ausgehend von dieser Grundlage betont sie in ihrem Vortrag die technisch-visuelle Gestaltung der Dolmetschereinblendung, um Benutzerfreundlichkeit zu erreichen, die unbedingt zur Barrierefreiheit dazugehört. Ihr geht es um die Lesbarkeit des gebärdeten Textes und die Vermeidung von Eye Fatigue. All das betrifft nicht nur die sprachlichen Elemente der Dolmetschen, sondern auch die Zusammensetzung des Fernsehbilds. Dabei spielt die Farb- und Kontrastkombination zwischen Hautfarbe, Kleidung und Hintergrund eine wichtige Rolle, sowie die Grösse und Form der Einblendung. Die Belichtung muss ausreichend sein, ohne Schatten zu erzeugen. Keine Close-Ups oder Long Shots sollten verwendet werden. Unbedingt muss darauf geachtet werden, dass die Gebärden nicht aus dem Bildausschnitt ins Fernsehbild ragen oder sogar abgeschnitten sind. Dabei soll jedoch Interaktivität zwischen TGSD und Bild erlaubt sein, so dass auf bestimmte Elemente im Bild verwiesen werden kann. Das Timing der Information muss auch beachtet werden, so dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer zwischen Nachrichtenbild und TGSD nacheinander erfolgen kann. Das Prinzip “Je grösser desto besser” gilt nicht, denn die Informationen aus dem Fernsehbild müssen auch gut lesbar sein. Ein rechteckiger Ausschnitt, der etwa 25% des Bildschirms bemisst, ist empfehlenswert. Dieser soll nicht oben oder unten, sondern mittig im Bild sein. Die Frage, ob es besser ist, das Bild links oder rechts hinzusetzen, ist das Thema eines weiteren Vortrags. Ballarda hatte 2019 schon herausgefunden, dass es besser sein könnte, das Bild links zu setzen.

Leider, so zeigt Ballarda anhand zahlreicher Beispiele aus aktuellen Einblendungsdesigns, müssen wir noch einiges ändern, um Benutzerfreundliches Design zu etablieren. Hier sind ihre Empfehlungen zu finden. In ihrem Ausblick stellt sie die Frage nach den ISO-Standards, wirft das Problem des heterogenen Zielpublikums auf und nach weiteren Programmformaten, die gedolmetscht werden sollten. Schliesslich ist Fernsehen nicht nur zur Informationsvermittlung, sondern auch schlicht und einfach zur Unterhaltung da. 

Anna Fleming und Elise von Wiesz vom schwedishen Fernsehen stellen ihr Projekt vor, das die oben genannte These von Marta Bosch Baliarda überprüft, dass links die bessere Einblendungsseite für den TGSD ist. Das geschieht mit drei laufenden Serien und Meinungserhebungen dazu. Die Flexibilität zwischen beiden Seiten braucht Gewöhnung, meinen die GSD, aber nach einer Weile geht es. Dann kann man sich auch an das Design der Sendungen anpassen, z. B. ob die Sprecherinnen eher rechts oder links verortet sind. Die bisherigen Antworten: die meisten mögen GSD links OBWOHL man davon ausgehen muss, dasss der Gewöhnungseffekt an den GSD rechts einen negativen Effekt auf die Bevorzugung der linken Position hat. Eine Begründung: Die Aufmerksamkeit folgt der gewöhten Leserichtung links nach rechts. 

Ethnische und kulturelle Diversität war das Thema einer Gruppendiskussion, der ich mich interessehalber anschloss. in der zweiten Diskussionn ging es um Geschlechterdiversität.

Nur Peru und Neuseeland konnten sich nicht über fehlende Diversität beschweren: die T/GSD im Fernsehen reflektieren die Diversität der Gesellschaft. Die anderen beschwerten sich darüber, dass nur hörende weisse Mittelklassefrauen die Studiengänge absolvieren und demnach sowieso niemand anderes zur Auswahl steht. Die anderen beschwerten sich darüber, dass nur hörende weisse Mittelklassefrauen die Studiengänge absolvieren und demnach sowieso niemand anderes zur Auswahl steht. Man muss beim Thema Diversität also schon bei der Ausbildung angehen. So, wie der zugang zur Bildung auf weiße Menschen zugeschnitten ist, ist auch die Technik auf die weiße Hautfarbe produziert. Abweichungen davon bedeuten einen hohen technischen und finanziellen Zusatzaufwand. 

Auf den Philippinen gibt es zwar Auswahl, aber die Auswahlkriterien, die zur anwendung kommen, sind Besorgnis erregend. Der Sender wählt die GSD aus: je hübscher, desto besser. Dabei ist nicht so wichtig, wer gut dolmetschen kann oder nicht. Die Niederlande sind dagegen vorbildlich. Hier arbeiten die T/GSD mit einer von der Deaf Community organisierten und taub geführten Firma zusammen und werden von ihnen ausgewählt und gecoacht. Die Leistungen der Firma und der T/GSD werden vom Fernsehen bezahlt. Sollten wir also einen ISO Standard anvisieren, müsste darin die Zusammenarbeit mit der Gehörlosengemeinschaft geboten sein. Aber auch, wenn die besseren Signer – und nicht die attraktiveren – die Jobs bekommen, reicht es wohl nicht, um Diversität auf dem Bildschirm zu erreichen. 

Bei der zweiten Diskussion ging es um Geschlechterdiversität. Ich dachte, es würde darum gehen, mit der Binarität von Männlein und Weiblein auf dem Bildschirm aufzuräumen – aber nein. Es ging darum, dass diejenigen T/GSD, die die sich im Fernsehen zeigen dürfen, zu viele Männer sind gemessen daran, wie viele Frauen als GSD arbeiten. Warum steigen also ausgerechnet die Männer auf? Mögliche Antworten sind, dass die Arbeitszeiten für Fernsehstudios nicht familienfreundlich sind, dass Diskurse der Macht eher männlichen Figuren anvertraut werden, oder dass tauben Frauen traditionell Führungspositionen immer noch verwehrt bleiben, so dass sie nicht zum Zuge kommen.

In Karolin Gebruers und Jaron Garittes Vortrag geht es um die Teamarbeit zwischen gemischten Teams während Pressekonferenzen. Jaron ist im Bild und Karolien feedet – das kennen wir schon. Allerdings arbeiten die Belgier immer zu dritt im Team. Im dreisprachigen Land gab es schon lange GSD in den Medien, erst seit 2020, der Corona Krise, kamen jedoch TGSD zum Einsatz. Wie hat man das erreicht? 

  1. Schlechte Erfahrungen: Man nutzte die Terroranschläge nach welchen die Informationen nicht barrierefrei waren als schlechtes Beispiel. 
  2. Man nahm sich Vorbilder, hier französischer Teil des Landes. 
  3. Politische Stimmung war offen für die Veränderung. 

Bei den PKs werden stets zwei Sprachkombinationen mit 3 T/GSD pro Team engagiert. Der/die TGSD ist vor der Kamera, ein/e GSD feedet und die/der andere unterstützt beide, zum Beispiel indem vorbereitete Einträge auf einer Flipchart gezeigt werden und indem die Produktion beobachtet, bzw. korrigiert wird oder die Stimmung im Gesicht wiedergegeben wird. 

Mit dieser Praxis stieg das öffentliche Bewusstsein für die Deaf Communities und die Gebärdensprachen in der Gesamtgesellschaft. Die Communities zeigten eine grössere Identifikation mit den TGSD und folglich mit dem Inhalt. Die Gebärden wurden in den Communities übernommen. Das ist also schon Empowerment, aber es fehlen Sendungen die kulturell taub sind. Also die eigenen Sendungen weil es nicht nur darum gehen kann, Zugang zu hörenden Informationen zu haben. Eine weitere Herausforderung ist die Ausbildung von TGSD:  ab Januar 22 gibt es eine qualifizierende Ausbildung für TGSD in Flandern. Auch hier wird betont, dass Diversität im Publikum muss bei den T/GSD repräsentiert sein muss.

Irma Sluis erzählt in ihrem Vortrag die persönliche Geschichte, wie sie zum Dolmetschen der Pressekonferenzen kam und wie sie dann mit der plötzlichen massiven Aufmerksamkeit seitens der Medien umging. In ihr finden wir ein Vorbild für Allyship. Im März 2020 gab es während der Pressekonferenz eine/n tauben Aktivist*in, mit einem Schild live vor der Kamera wedelnd: “Where is the Interpreter?”  Da ist ihnen aufgegangen, dass ein GSD her muss: Irma. Dann war learning by doing angesagt. Sie bekam einen Co und eine/n taube/n Coach, zB. um die Entsprechung für “horden” in ihrer Gebärdensprache zu finden. Dann ging genau dieser Ausschnitt überall viral. Sie musste dann diese mediale Aufmerksamkeit aushalten. Sie musste überlegen, wie ihre Fragen nicht an mich gerichtet würden sondern an taube Menschen, um eine win-win Situation herbeizuführen. Die 7 häufigsten Fragen wurden auf Video beantwort und in den sozialen Medien verbreitet: “Irmas Q&A” Irma stellt die Frage und eine taube Person antwortet, gevoict und mit Untertitel. So wurde diese mediale Aufmerksamkeit über  den Umweg Irma auf die Deaf Community gelenkt. Sie wurde zu unzähligen Interviews und Vorträgen eingeladen, nahm aber lediglich unter der Bedingung an, einen tauben Experten für die betreffenden Fragen mitzubringen. Wenn das Interview nur über Irma und ihren Job sein sollte, lehnte sie ab.

Eines Tages sollte sie eine Sendung mit 6 tauben Menschen und 6 TV-Stars aus Holland mitmachen. Es wurden jeweils Paare gebildet und sie sollten vor der Kamera versuchen, miteinander mit Händen und Füssen zu kommunizieren. Das beste sollte gekürt werden. Irma weigerte sich diese Entscheidung zu treffen und stellte eine, Jury mit tauben Leuten zusammen: “Hands Up”. – “Nutze die Medien für deine Zwecke und lasse dich nicht von ihnen vereinnahmen,” das ist ihre Botschaft.

Katja Fischer, Chris Peters und Prof. Christian Rathmann, mit dem Gehörlosenbund im Rücken erreichten auch in Deutschland, dass die Pressekonferenzen der Regierung und der Ansprachen von Kanzlerin Merkel im Zuge der Corona Pandemie in gedolmetscht wurden. Am 18. März 2020 richtete sich Kanzlerin Angela Merkel erstmals auch in DGS an ihre Bürger*innen. Am 30. April 2020 gab sie die erste in DGS live gedolmetschte Pressekonferenz. Allein schon die Tatsache, das TGSD im Bundeskanzleramt vor Ort waren, hat bei den Politkiker*innen für einen Aha-Effekt gesorgt. 

Fischer beschrieb die unterschiedlichen und herausfordernden Arbeitsbedingungen für alle, bis sich schließlich eine Best Practice etabliert hat: Übersetzung fertiger Aufnahmen erfahren eine Revision durch das 4-Augen Prinzip nach dem Qualitätsstandard DIN EN ISO 17100:2015. Beim Live Dolmetschen werden Schriftdolmetscher*innen und Feeder genutzt. Allerdings sind wir noch lange nicht am Ziel, meinte Fischer. Die DGS Einblednungen werden nicht im öffentlichen Fernsehen gesendet sondern auf einem separaten Kanal online. Es waren also 2 Livestreams einer mit und eins ohne DGS. Die Sender können sich dann aussuchen, welchen Stream sie nehmen. Fischer besteht darauf, dass es aber wichtig ist, die GSD in den öffentlich rechtlichen im regulären Programm zu zeigen. Weitere Herausforderungen liegen in der Verbesserung der Teamarbeit zwischen Dolmetschenden vor und hinter der Kamera. GSD mussten erst ins Feeden eingeführt werde. Da viele GSD, auch wenn sie nur feeden sollen, nicht wissen, worauf es beim Mediendolmetschen ankommt, sind breit aufgestellte Fortbildungen nötig. 

Ich freue mich sehr auf die nächste Konferenz, wenn ihr Maya de Wit auf Twitter oder ihrer Webseite folgt, dann bekommt ihr die Termine zeitig mit.

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