Konfernzbericht efsli 2026 in Zagreb

17.09.2026 Alle Titel sind von mir selbst ins Deutsche übersetzt, da dieser Bericht gezielt für deutschsprachige Leser:innen gedacht ist. Nicht alle Konferenzbeiträge sind hier aufgeführt, nur diejenigen, die ich selbst besucht habe. Die Berufsbezeichnung wird routinemäßig erweitert, wie: Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen in Laut- und Gebärdensprachen, hier abgekürzt GSD&Ü.

Dr. Bart Defrancq Wirbt für den prestigereichen Zusammenschluss von Universitäten CIUTI und erzählt von Chancen und Problemen. CIUTI bietet exzellente Masterstudiengänge für hörende und taube Student:innen. Aber sie haben zu wenige Bewerbungen. Auch haben die Mitgliedsinstitute Personalprobleme, da sie keine Tauben Dozentinnen bekommen. Sie möchten Absolvent:innen dazu motivieren, in die Lehre zu gehen. Er wünscht sich, dass sich die Universtiäten auf europäischer Ebene zusammenschließen. Gemeinsame Fortbildungen wie Train the Trainer würden sie unterstützen.

Maya de Wits Keynote Kritisch denken und kollektiv handeln: Bildung für Dolmetschende und Übersetzende für gebärdete Sprachen in Europa nimmt die Statistiken aus ihrer neuesten Veröffentlichung zur Grundlage und fragt nach dem umfassenden Entwicklungspotential unseres professionelles Bildungswesens, also neben den klassischen Hochschulzertifizierungen auch durch Angebote für Fortbildung, Spezialisierung, Praktika usw. Sie zieht Trends aus den Zahlen: Es werden neue klassische Ausbildungsgänge etabliert, im gleichen Zuge aber weiterführende Fortbildungsangebote vernachlässigt. Ausserdem haben in mehr EU-Ländern taube Bewerber:innen Zugang zu Studiengängen – aber die Bewertung dieser Studengänge seitens der tauben Student:innen ist eher schlecht. Allgemein gibt es für die diversen Bedarfe der bestehenden Berufsgruppe zu wenige passende Aus-und Fortbildungsgelegenheiten. Maya betont, dass gerade unsere Diversität eben das Potenzial birgt, das Angebot hervorzubringen, nämlich dadurch dass wir sie unter uns erkennen, benennen, formalisieren und uns gegenseitig anbieten. Nach dem Vortrag hat sie uns aufgefordert, alle unsere Kompetenzen, Fähigkeiten und Talente, die wir teilen würden, auf Post-its aufzuschreiben und auf einer Wand zu sammeln. Maya betont, professionelle Organisationen können bei diesem Prozess einen nachhaltigen Beitrag leisten. Nahtlos knüpft der nächste Vortrag aus der italienischen Perspektive an Mayas Vortrag an.

Genny Brusjean Conte und Francesca Malaspina Von Fragmentierung zur Professionalisierung: Zertifizierung, Verbände und Nachhaltigkeit im italienischen Gebärdensprachdolmetschen. Die Besonderheit in Italien ist, dass es sehr viele konkurrierende GSD-Verbände gibt. Bis 2020 gab es 2, dann bis 2025 kamen viele neue dazu. Um die Situation zu verstehen, wurde eine Umfrage durchgeführt mit 7 Verbänden. Die Methode folgte Braun & Clarkes 6-Phasen Framework (2006, 2019). Arbeitsbedingungen, berufliche Entwicklung und Nachhaltigkeit. Die Schwächen der Umfrage liegen in der geringen Reichweite, möglicherweise durch den Vertrauensmangel zwischen Dolmetschenden mit formeller Ausbildung in den Städten und informeller in den Provinzen, Mangel an Partizipation der Deaf Community. Den Durchführenden der Umfrage wurde dem entsprechend eine elitäre Voreingenommenheit zugeschrieben. Die teilnehmenden Verbände aus Nord- und Zentralregionen wurden Verglichen im Hinblick auf Struktur und Ehrenordnung. Die Gemeinsamkeiten sind, dass alle Vorstände haben und Ehrendordnungen. Die Gestaltung unterscheidet sich jedoch vor allem in der Unterstützung und Partizipation tauber Organisationen. Was zur Gründung der Verbände innerhalb der 5 Jahre führte, waren Haltungsunterschiede zu mehr oder weniger anspruchsvollen Zertifizierungsprozessen und Partizipation tauber Kolleg:innen. Die meisten Befragten arbeiten im Angestelltenverhältnis in Teilzeit 53%, Vollzeit etwa 30% und ein beträchtlicher Teil denkt darüber nach, sich beruflich umzuorientieren, 11% haben das schon getan. Der Verdienst ist nicht auskömmlich. Wichtige Faktoren für den Ausstieg sind fehlender Respekt und Finanzierung und Präkarität. Der fehlende Respekt ist letztlich darauf zurückzuführen, dass Menschenrechte der Beteiligten nicht gewahrt werden. Eine Konsequenz daraus wäre Lobbyarbeit für Professionalisierung im Sinne der Wahrung der Menschenrechte unserer Endkund:innen.

Dorijana Kavcic: Zwischen Erfahrung und Akademie. Der Aufbau eines semiformellen Zertifikationsmodells angesichts fehlender Hochschulbildung für GSD in Kroatien Seit 2012 gibt es den “professional Communication intermediary” als Zusatzqualifikation für Menschen in pödagogischen Professionen. 2023 wurde per Gesetz persönliche Assistenz ermöglicht. Ab da wurde dieser intermediary vor allem für persöliche Assistenzdienste genutzt, die eine beträchtliche Anpassung an die Kommunikationseigenheiten der Auftraggeber:innen hatten, wie z.B. für Taubblinde. Nives Gotovac beschreibt in ihrer Masterarbeit das kroatische Berufsbild für Communication Itermediaries. Viele von ihnen sind Codas und 95% führen neben Sprachmittlung auch andere Tätigkeiten aus. Das Berufsbild ist prekär und die Qualität der Sprachmitttlung nicht zufriedenstellend. Daher sollen sie nur eine Übergangslösung sein, bis die Entscheidungstragenden für die einschlägigen Strukturen Sprach-und Kulturexpertinnen, auch aus der Deaf Community, sind, statt Logopäd:innen und Pädagog:innen. Für letztere wird Lobbyarbeit betrieben.

Paul Michaels: Von Erfahrung zu Referenzen. Die Entdeckung eines komplexen Übergangs für Dolmetschende und Übersetzende in Ausbildung. Mit der Methode thematischer Analyse findet Paul aus seiner Umfrage heraus, dass mit höher werdenden akademischen Standards, wachsenden Erwartungsanforderungen im gesamten Dienstleistungssektor, Student:innen mit und ohne mitgebrachtem kulturellen Kapital (z. B. Codas) und einschlägiger Vertrautheit mit der Deaf Community, z. B. Aus vorausgegangener Berufserfahrung, diverser wird. Das schlägt sich auch im Übergang ins Berufsleben nieder. Es gibt wohl eine Spannung zwischen gelebter Erfahrung und Theorie. Wichtig ist, beide miteinander zu verschränken. Das kann dadurch gelingen, dass man diese Spannung von vornehererein in den Ausbildungen miteinander verknüpft, damit das neu Gelernte mit der eigenen Erfahrung verknüpft werden und zur gelebten und diskursiv geteilten beruflichen Praxis werden kann. Das kann gelingen durch mehr praktische Anteile in der Ausbildung, Mentoring, Supervision, mehr authentische Fallstudien, formaler Anerkennung ihrer Vorbildung. Der Prozess der Entwicklung ihrer professionellen Identität soll in den Ausbildungen höheren Stellenwert bekommen.

Elke Poullet: Professionalisierung in Flandern. Die Perspektiven der Stakeholder auf ein staatliches Register und berufliche Fortbildungspflicht In ihrer MA-Arbeit befasst Elke sich mit der Etablierung eines nationalen Registers einschließlich beruflicher Fortbildung im Sinne der Qualitätssicherung. Bei dieser öffentlich einsehbaren Liste anhand von bestimmten Kriterien qualifizierter Personen, die sich nach bestimmten Regeln kontinuierlich Fortbilden und einem Berufsethos folgen, ist auch ein Beschwerdemanagement notwendig. Näheres dazu in ihrer MA Arbeit.

Sherry Shaw und Eva Sacherer: Zeitliche, Räumliche und Kulturelle Anpassungsfähigkeit. Ein Modell für Gemeinschaftliches Engagement für studierende und praktizierende Gebärdensprachdolmetscher:innen Die US-Amerikanerin Sherry und die Österreicherin Eva zeigen den bestehenden Gegensatz zwischen akademischem Lernen und “Service Learning” in Ausbildungs- und Studiengängen auf. Mit diesem Begriff heben sie unsere Bindung und unser Engagement in der Gehörlosengemeinschaft auf eine allgemein berufliche Ebene, denn er drückt aus, dass diese Bindung, die sich in der alltäglichen beruflichen Grundhaltung offenbart, kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern gelernt werden kann und die Entwicklung dieser Haltung in Curricula gehört. Die Frage ist wie, weil bisher das in den akademischen Curricula nicht mitgedacht ist. Die Grundlage für die Werte dieser Haltung liegen in der Annahme der eigenen Verantwortung, in Werten der sozialen Gerechtigkeit “Social Justice”, dem Grundsatz der Gehörlosengemeinschaft nicht zu schaden “do no harm”, durch aktives Zuhören,in eigenen positiven Beiträgen zur Gemeinschaft, in Solidarität und tiefe Reflexion, die schliesslich in Handlungen fließen. Dabei ist ein wichtiger Aspekt die konstante individuelle und kollektive Beziehungsarbeit, die Grenzen verhandelt “boundary work”. Dies kann in drei miteinander verflochtenen Dimensionen stattfinden: 1. Räumlich – sich in die Community begeben und präsent sein, 2. Zeitlich – immer wieder eigene Handlungen und Einstellungen (Habitus) aus vergangenen Situationen nachvollziehen, analysieren und dekonstruieren, um sie in der Zukunft zu gestalten, 3. Kulturell: sich vertraut machen mit Kultur und sich damit beschäftigen. Zu kognitiven Grundlagen und Prozessen für diese Boundary Work hat Sherry 2021 schon veröffentlicht: „Service Learning during the COVID-19 Pandemic: A Model of Temporal, Spatial, and Cultural Adaptability”

Mark Berry: Ausbildung und Praxis aufbauen. Erfahrungsbasiertes Lernen bei Berufsanfänger:innen von Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen von Laut- und Gebärdensprachen Mark bringt 3 verschiedene Firmenbeispiele für Ferndolmetschdienste an stellt die Art und Weise vor, wie diese Studierende an Praktika heranführen. Sie bieten für interessierte kostenlose Lerngelegenheiten an, in denen hörende und taube gemeinsam lernen und dabei ins gezielt ins Gespräch über berufsrelevante Themen in praktischen Situationen kommen. Wichtig neben dem gemeinsamen Lernraum ist auch eine ermutigende Fehlerkultur, in der Fehler als Lernchance auch für die Firma selbst gesehen werden und Nachhaltigkeit in Bezug auf die körperlichen und emotionalen Ressourcen der Dolmetschenden. Die Firmen bieten auch Peer-to-Peer Räume zur Vernetzung von berufstätigen GSD&Ü an für lebenslanges Lernen und zur Förderung einer diversen professionellen Gemeinschaft. Dazu gehört z. B. Eine online Videosammlung von gebärdeten Inhalten über diverse Themen. Dazu gehören kostenlose Onlinekurse zum Selbstlernen. Die Firmen arbeiten auch mit Ausbildungsstätten zusammen, identifizieren Nischen zur Spezialisierung von GSD&Ü und unterstützen den Spezialisierungsprozess. Auch zur Gehörlosencommunity findet eine aktive Hinwendung statt, z. B. Von Wissens- und Kompetenzstransfer in Form von beispielsweise Kooperationen.

Dina Zander-Tabbert und Jemina Napier (die nicht da war): Doing und Mediation von Vertrauen Trust in gedolmetschten Interaktionen Dina legt dem Vorhandensein von Vertrauen in gedolmetschten Interaktionen die dynamische Triade zugrunde als co-konstruierende Beteiligte. Dabei müssen unterschiedliche Ebenen, Arten und Quellen von Vertrauen einbezogen werden, wie z. B. das Vertrauen in Institutionen. Sie fragt unter anderem nach Strategien, die taube Expert:innen nutzen, um sich innerhalb der gedolmetschten Äusserung, die von einer anderen Person vollführt wird, wiederzufinden (Napier: Translated Deaf Self). Sie verwendet Grounded Theory als Methode und führt halbstrukturierte Interviews durch. Ihre Ergebnisse rücken folgende Kategorien in den Vordergrund: Körperorientierte Selbstbeobachtung und Kongruenz (embodied monitoring and alignment), strukturelle Abhängigkeit und Unsicherheit, gemeinsam konstruierte Vertrauenswürdigkeit und institutionelle Fragilität. Körperbezogene Beobachtung dient unter anderem zur Vergewisserung ob das gemeinte angekommen ist, dadurch dass die erwartete Reaktion beobachtet wird oder auch nich, denn die Unsicherheit, ob auch das, was gemeint war, tatsächlich angekommen ist, ist ein Faktor für Vertrauen. Die Dolmetschung kann beispielsweise durch Mitlesen eines Livemitschnitts kontrolliert werden, das erfordert aber mehr kognitive Belastung auf Seiten der tauben Teilnehmenden. Vertrauenswürdigkeit kann entstehen durch z.B. Transparenz und Kontinuität, aber wichtig ist, dass es eine grundsätzlicheAsymmetrie gibt im Machtverhältnis zwischen Dolmetschenden und Tauben Expert:innen. Institutionelle Fragilität betrifft das agieren der die Dolmetschenden vertretenden Institutionen. Dina spricht von Doing Trust, weil Vertrauen eine dynamische Praxis ist, die wir immer wieder ausüben und in konkreten Situationen innerhalb Gefällen von Macht und Sicherheit ko-konstruieren. Sie führt ein vierteiliges Modell dafür ein, ursprünglich von Hille et al. Aus 2021, welches sie an das Dolmetschen angepasst hat. Dinas Doing-Trust Modell kann uns einen neuen Referenzrahmen bieten, um bewusst so zu handeln, dass wir uns schließlich individuell und kollektiv Vertrauenswürdigkeit erarbeiten.

Camilla Warnicke: Evidenzbasierte Dolmetscherausbildung für den staatlichen schwedischen Ferndolmetschanbieter “bildtelefoni.net” Der einzige staatliche Dienstleister für Ferndolmetschen in Schweden dient als Vorbild für gelingende Einarbeitung von Dolmetscher:innen in die Ferndolmetscharbeit, denn die Dolmetschenden werden in verschiedenen Kursen gründlich eingelernt mit klassischen Lerneinheiten, Fallbeispielen, Hospitationen und Mentoring. Dadurch können sie die unterschiedlichen Herausforderungen, denen sie sich beim Ferndolmetschen stellen müssen, benennen, sich darauf vorbereiten, Kompetenzen erwerben und üben. Die Qualität der Dienstleistung und die Zufriedenheit der Dolmetschenden ist dadurch nachhaltig besser geworden. Mayas Schlussworte betonen, wie wichtig es ist, unsere vorhandenen Kompetenzen und unser Wissen fruchtbar zu machen anhand von Kooperation auf diversen Ebenen, durch die Etablierung von Dolmetschausbildungen auf mindestens BA-Level, durch globalem Outreach zu den relevanten Gemeinschaften und durch lebenslanges Lernen. Die gemeinsame Post-it Wand wuchs während der Konferenztage zu einem sehr großen und bunten Feld. Sie feierte dadurch das blühende Potenzial unser professionellen Gemeinschaft.

Am Ende der Veranstaltung fand eine besondere Staffelstabübergabe statt: der Rucksack mit den Länderaufnähern, der an die Organisator:innen der nächsten efsli Konferenz geht, wird feierlich übergeben. Die nächste Konferenz findet in Berlin statt, vom 17. – 18. April 2027 im Haus der Kulturen der Welt. Auf der Konferenzwebseite stehen alle wichtigen Informationen.

 

EFSLI 2025 – Pastel de Nata

#efsliconfrence2025

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Cristina Gil und ihr Team haben die diesjährige Konferenz in Lissabon organisiert. Sie zeigt im Video die Gebärde für die Nationalspeise Pastel de Nata. Die Ethnologie der Gebärde ist auch köstlich: Sie ist zurückzuführen auf Kinder, die die wabernde Vanillefüllung als “wie reingerotzt” zeigten – daher das Zuhalten eines Nasenflügels mit dem Daumen und der Flugbewegung der Rotze entlang des kleinen Fingers

Cristina Gil

EFSLI 2025 – Gala

#efsliconference2025

Afterparty with Deaf DJs

EFSLI 2025 – 13.09.25 Konferenztag 2

#efsliconference2025

Lindsey D. Snyder (University of Maryland). Theater ist politisch: Aus- und Fortbildungen von Dolmetschenden für die Darstellenden Künste im 21. Jahrhundert

In Zeiten der Kürzungen öffentlicher Gelder und ideologischer Reglementierung der darstellenden Künste – in den USA ist es ja heutzutage noch schlimmer als in Deutschland – ist die Bedeutung des Theaters als Ort des Widerstands um so wichtiger. Damit ist auch Zugang zum Theater um so politischer. Snyder nutzt Prism Theory als pädagogischen Ansatz, ein Modell das das Prisma als Metapher nutzt, um Pädagogik unter diesen Aspekten zu verstehen: 1) Erwerb von Kompetenzen, 2) Perspektivwechsel, 3) persönliche Entwicklung, 4) sozialer Aktivismus. Snyder argumentiert, dass wir es in unsere Arbeit tagtäglich mit Inszenierungen zu tun haben, die wir durchaus als theatralische Darstellung verstehen können, zum Beispiel die Reden von Politiker:innen (mein Kommentar: … nicht zuletzt sein Erving Goffmans dramaturgischer Ansatz, welche zwischenmenschliche Interaktion als Theater begreift). Daher sollten wir darstellende Künste in unseren Curricula aufnehmen.

Hier möchte Snyder mit interessierten Dolmetscher:innen Kontakt aufnehmen.

Camilla Warnicke, Catrin Thorin, Elin Svanerud, Jonas Brännvall, Magnus Ryttervik & Malin Tesfazion (Stockholm University). Kulturelles Wissen und Sprachliche Kompetenzen im akademischen Setting entwickeln.

Die Schweden haben ihren Studiengang vorgestellt und erzählt, wie sie ihren Student:innen Gehörlosenkultur beibringen. Dabei sind:

  • Bezahlte taube Teilnehmende Personen im Lehrbetrieb für Rollenspiele etc.
  • Zusammenarbeit mit tauben Rentner:innen
  • Gebärdensprachcafe
  • Studienaufenthalte (Day of Deaf People)
  • Mitarbeit in örtlichen Gehörlosenverbänden
  • Kick-off-Week am Beginn des 2. Semesters, zum einwöchigen immersiven Sprachaufenthalt bei bezahlten Tauben Gastgeber:innen
  • Zusammenarbeit bei behördlichen Maßnahmen für Arbeitssuchende taube Menschen (z. B. Rollenspiele)

Es ist schwierig, die Student:innen davon zu überzeugen, ihre Freizeit bei Tätigkeiten innerhalb der Gehörlosengemeinschaft zu verbringen und die dort geschaffenen Kontakte auch kontinuierlich zu pflegen. Auch die Diversität der Community kann hier nicht abgebildet werden. Es ist ein Balanceakt, bei der Platzierung der Student:innen die Community nicht zu stören oder auch auszunutzen, und auch die Community ändert sich fortlaufend, da müssen auch die Unternehmungen sich anpassen.

Carolin Denmark (Sorenson). Entwicklungsjahre: sind die GSD des 21. Jahrhunderts “kulturlos”?

Denmark zeigt eine Filmaufnahme von gebärdenden Geistlichen von 1933, um zu zeigen, wie lebhaft und humorvoll sie als Vertreter unterschiedlicher Generationen miteinander interagieren. Diese generationenübergreifende Interaktion fehlt ihr im heutigen Alltag, auch in den Dolmetschausbildungen. Sie fordert eine kulturelle Allianz zur Förderung persönlicher, immersiver Interaktion, um die Kultur nicht nur zu lernen, sondern auch am Leben zu halten.

Abschluss

Nach den Danksagungen für die großartige Arbeit der diesjährigen Organisator:innen verkündet DeafEfsli, dass sie demnächst Fortbildungen und Veranstaltungen anbieten werden. Die nächste Konferenz wird vom 10. – 13. September 2026 in Zagreb, Kroatien stattfinden und danach wird von 16. – 18. April 2027 die Konferenz in Berlin sein (ausnahmsweise im April, weil Wasli im September stattfinden wird). Das Motto für Zagreb wird “Education”, also Bildung sein. Vorschläge für das Thema für Berin, nehme ich dankend hier in den Kommentaren entgegen 🙂

… und hier unser Deutschland Gruppenfoto!

EFSLI 2025 – Poster

#efsliconference2025

Von allen Postern kann ich leider nicht berichten, hier sind einige ausgewählte.

Azaria Francis und Helen Fuller. Über die Kluft: Ich bin ich aber wer sind wir?

Hallo, ich bin Helen – Ich bin Azaria und das ist unser Poster.

In diesem Poster geht es um die Reflexion kultureller Mediation in Dolmetschsettings mit Hilfe des Interpreting Power and Privilege Wheels (mitte). Wenn wir uns die eigene Verortung in diesem Rad in Bezug auf die Menschen, mit denen wir in den unterschiedlichen Settings zusammen arbeiten stets vergegenwärtigen, hilft uns das, unsere Beziehung im Machtgefälle der aktuellen Situation zu beurteilen und dabei die Mehrdimensionaliät und Dynamik unserer Identitäten zu Nutze zu machen, um aus den Identitäten, die in diesem Moment beziehungsförderlich sind, die Motivation für unsere Verhalten zu schöpfen.

Hier ist der Link zu einer Umfrage der beiden Autor:innen auf Englisch.

Helen Shingler. Die unerkannte kulturelle Kluft bezüglich Neurodiversität

Hallo, ich bin Helen. Tut mir leid, das hiesige Fingeralphabet fällt mir noch schwer. Hier geht es darum, wie wir als Dolmetschende den Bedarfen neurodiverser Kund:innen gerecht werden können.
Hier ist ein Link zur IS-Version.

Helen Shingler hat ein weiteres Poster im Angebot: Multitasking und immer Lächeln: Dein Deaf Heart behalten, während du gleichzeitig allerlei Herausforderungen beim Onlinedolmetschen jonglierst.

Shingler betont die Multitasking-Anforderungen bezüglich Onlinedolmetschen:

  • Interprersonal: Anrufer:innen, die mit der Anrufetikette nicht vertraut sind
  • Intrapersonal: Gibt es ein geteiltes Verständnis?
  • Paralinguistisch: Es ist wahrscheinlicher beim Onlinedolmetschen, dass überregionale Sprachnutzer:innen beteiligt sind und den Dolmetschenden unbekanntes Vokabular nutzen.
  • Umgebungsbedingt: Teilnehmer:innen können sich gegenseitig nicht sehen.

Dabei gibt es unterschiedliche kulturelle Prioritäten bei beiden Seiten, denn Taube Werte (nach Carol Lazorisak) sind: 1. Einstellung der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeigen, 3. Deren Wissen. Dagegen sind die Prioritäten bei Hörenden wie folgt: 1. Wissen der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeiten, 3. Deren Einstellung.

Für hörende GSD bedeutet das, dass ohne klare Strategien ethische Entscheidungen im Stress ad hoc getroffen werden, während der Anruf im Gange ist und das wiederum eine Tendenz zur Voreingenommenheit für die hörende Kultur zur Folge haben kann. Daher, so Shingler, sollten Dolmetschende sich eine Palette an Werkzeugen zulegen, die sie dazu befähigt, aktiv das gegenseitige Verständnis zu fördern, so wie im Poster von Mark Berry und Marlee Dyce dargelegt.

Und hier ist der Link zur IS-Version.

Mark Berry und Marlee Dyce. Was meinst du eigentlich? Sprachliche und kulturelle Feinheiten in anspruchsvollen Ferndolmetscheinsätzen meistern

Hallo, ich bin Mark. – Und ich bin Marlee. – Wir arbeiten bei Sorenson Communications. Hier beschäftigen wir uns mit der Herausforderung im Onlinedolmetschen, das Gehörte eben nicht wortgetreu in die Zielsprache zu übertragen, sondern das Gemeinte mitsamt feiner Bedeutungsnuancen zu erfassen und zielsprachlich zu formulieren. – Ja genau. Voraussetzung dafür ist es, sich vom Quelltext loszulösen. – Und durch die gewonnene Freiheit, die kulturelle Anpassung der Formulierung in der Zielsprache zu leisten.
Auf dem Poster ist ein Link zu einer Demo und einer IS-Präsentation

EFSLI 2025 – 12.09.25 Konferenztag 1

#efsliconference2025

Keynote: Robert Adam (Herriot-Watt). Deaf Spaces in Dolmetscher/Übesetzeraus- und -fortbildungen

In diesem Vortrag fächert Adam das Konzept Deaf Space in seine unterschiedlichen Aspekte auf, wie

  • Architektur
  • als soziokulturelles Konzept (Gulliver 2006)
  • als Deaf Geographies (Kusters 2010, 2015, Breivik et al 2012)
  • als historische Orte wie Schulen

Die Bedeutung von Deaf Space ist sehr weit gefasst. Es handelt sich nicht nur um Orte. Dabei hilft Bourdieus Habitusbegriff und der Begriff Kulturelles Kapital. In diesen Räumen gibt es einen bestimmten Habitus, anhand dessen GSD sich kulturelles Kapital aneignen oder verlieren können. Dabei sind weitere Konzepte wie

  • Intersectionality (Crenshaw 1989), die Verschränkung von mehreren Identitäten, die nicht in Stein gemeißelt sind
  • Chip Theory (McRuer 2007), um alle Behinderungen einzuschließen und sich nicht nur auf Taubheit zu fokussieren.
  • Queer Theory
  • Rolespace (Llewellyn-Jones und Lee 2013)

Das bedeutet für GSD Studiengänge und Ausbildungen, dass sie nicht nur Sprachen und Dolmetschen lernen, sondern lernen, wie sie sich in Deaf Spaces verhalten. Daher mössen sie 100 Stunden Praktikum im 3. Studienjahr leisten, und zwar in Taub-geführten Umgebungen. Sie können dadurch erleben, wie diese Umgebungen geschaffen sind und sich selbst darin erfahren. Das hat sich bewährt. Adam hat einen Verhaltenscodex (Code of Conduct) entwickelt, der angemessene Kommunikation und respektvolles Verhalten anleitet. Dadurch wird Bewusstsein dafür geschaffen, dass jegliches Verhalten von GSD den Deaf Space beeinflusst, es also Neutralität de facto nicht gibt.

Selina Jaques-King (Wolverhampton) “Der Punkt ist nicht, wie ich mich selbst wahrnehme, sondern wie ich von anderen wahrgenommen werde” BSL Dolmetschende of Color in England.

  •   Mit Ausnahme von Obasi 2013, West Oyedele 2015 und Ford 2021 ist dieses Thema nicht beforscht.
  •   In England sind GSD typischerweise weiss und weiblich (ASLI Census, Napier et al, 2021).
  •   GSD sind bei ihren Kund:innen in kritischen und intimen Lebensmomenten.
  •   Bilinguale und bikulturelle GSD (Grosjean 1996; Napier, McKee and Goswell 2010; Mindess und Holcomb 2011) sind wichtige kulturelle Mediator:innen, aber wie sieht es mit weiteren Minderheitenkulturen aus?

Wenn GSD Aufträge für nicht-Mainstream Veranstaltungen bekommen, müssen Sie den Auftrag erst einmal einschätzuen und planen. Z. B. Kulturelle und/oder religiöse Veranstaltungen wie Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen etc. Sie erzählst das eindrucksvolle Beispiel von einer karibischen Begräbnisfeier, die gar nicht so abläuft wie eine christliche Trauerfeier.

Wie Kultur mit unserer Wahrnehmung von anderen einhergeht:

  •   Wir können nicht davon ausgehen, dass das Aussehen einer Person auf ihre Herkunft oder Ethnizität schließen lässt, mit welcher sie sich selbst identifizieren.
  •   Wie du dich selbst wahrnimmst kann davon abweichen, wie andere dich wahrnehmen.
  •   Wir müssen unsere Wahrnehmung unserer Wahrnehmung bezüglich bewusster und unbewusster Vorurteile sensibilisieren, so dass wir diese möglichst ablegen.

Kulturelles Kapital

  •   Der Begriff von Bourdieu (2013) ist Teil der Selbstreflexion in unseren gängigen Curricula. Allerdings hat das manchmal gar nichts mit Kompetenzen zu tun, sondern einfach nur damit, wie du in diesem spezifischen Kontext aussiehst.
  •   Die Selbsteinschätzung kann daneben liegen.
  •   Wir müssen uns stets fragen, kann es wirken wie kulturelle Inbesitznahme, wenn ich diesen Auftrag übernehme?

Wie werden wir gute Allys?

  •   Ganz wichtig: Zuhören und den Menschen glauben, wenn sie von ihrer gelebten Erfahrung erzählen.
  •   Sich biden: Fachbücher lesen, sich fortbilden, sich mit anderen Kolleg:innen darüber austauschen.
  •   Nicht von den POC erwarten, dass diese dir alles erklären oder für deine Fragen zur Verfügung stehen.

In den Institutionen, wie z. B. Hochschulen oder Berfsverbänden gilt: mehr Repräsentation und dadurch Vorbilder schaffen. In die Öffentlichkeit und in die Communities hineintragen, dass GSD ein Beruf ist, mit dem man eine gute Karriere haben kann. Dabei darauf achten, dass die POC Vorbilder nicht als Tokens benutz werden und solidarisch im Vorfeld geeingete Arbeitsbedingungen für sie schaffen.

Sandra Pratt (Wolverhampton). Die Macht des Portraits: Die sprachliche und kulturelle Identität von britischen GSD-Studierenden entdecken.

Pratts Forschungsfrage lautet, ab wann fühlen sich GSD Student:innen als Teil der Gebärdensprachgemeinschaft?

“Who you act as being in interpersonal and intergroup interaction” (Schwartz et al 2011:2)

Pratt benutzt als Methode die Sprachportraits. Sie lässt welche in Bezug auf Sprachen und andere in Bezug auf Kultur

anfertigen und vergleicht diese. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass bei der multimedialen Reflexion nicht unbedingt Sprachen und über Sprachen transportierte Metaphern benutzt werden müssen.

Wofür stehen Muster, Orte, Symbole und Farben? Diese Freiheit und die darauf folgende gebärden-

sprachliche Besprechung dieser Portraits bietet Chancen, Neues über sich selbst zu erfahren. Pratt lässt diese während des Studiums mehrmals machen und vergleicht die Porträits über die Zeit. Sie macht die individuellen Schwellen aus, die den kulturellen Prozess der Identitätsbildung bei ihren Student:innen zeitigen.

Georgios Statis (Ionian University Christos Georgokostopoulos Thessaly). Digitalen Zugang in kulturellen Räumen sichern: Die Rolle der GSD

GSD bieten sprachlichen Zugang UND vermitteln Kultur und Identität. In einer Kulturlandschaft, wo sich Institutionen in Orte für Dialog mit aktiven Bürger:innen verstehen, spielen GSD eine wichtige Rolle. Statis machte eine große Umfrage unter den Besucher:innen von Museen in Griechenland. Alle Altersgrupppen waren vertreten. Ergebnisse sind: Hybride form von Zugang online und on-site wurden bevorzugt, also kein Entweder- oder, sondern Kombination. Technologie wurde befürwortet. Mit dem Status-quo sind die meisten nicht zufrieden. Sie sind mit den Dienstleistungen rund um ihre Partizipation nicht zufrieden. Auf die Frage, wie oft sie ins Museum gehen, schwankt es zwischen einmal im Jahr und einmal alle drei Monate. Inklusive Museen werden hingegen einmal im Monat aufgesucht. Museen sollten nicht nur auf einzelne Maßnahmen fokussiert sein, sondern holistische Inklusionsmaßnahmen rund um den Besuch bieten, mit Beratung von tauben Experten:innen. Auch zielgruppengerechte Werbung ist hier dabei. Technologien sollten zusätzlich genutzt werden. Das Museum der kykladischen Kunst hat eine App, die als best practice fungiert und vor Ort mit Dolmetschenden flankiert wird.


Gabriella Ardita (University of Catania und Italienischer Dolmetscherverband). Wie LIS Taube Nutzer:innen VRI Dienstleistungen wahrnehmen: Konsequenzen für Dolmetschaus- und Fortbildungen.

Ardita fragt in ihrer Studie nach den Bedarfen von tauben Nutzer:innen von online Dolmetschdienstleistungen. Sie resümiert, dass Onlinedolmetschen eine eigne Arbeitskultur begründet und gezielt, als Spezialisierung, gelernt werden muss. Sie selbst baut an ihrer Uni gerade in Modul zum Onlinedolmetschen auf.

Mark Berry und Wendy White (Sorenson Communications). Doppelt Stark: Zusammenarbeit in Taub-Hörenden Dolmetschteams stärken.

Wie beurteile ich, wann ein HGSD-TGSD Team notwendig ist? Das ist nicht beliebig, sondern kann nach bestimmten Faktoren beurteilt werden.

  • Einschätzung der Kund:innen: Gibt es Faktoren, die das Sprachverständnis in Verstehen und sich Äußern beeinträchtigen, z. B. Kognitiv (Sprachdeprivation etc.), emotional-verhaltensbedingt (ADHS etc.), Bildungsarmut, Alter, körperliche Beeinträchtigungen.
  • Risikoeinschätzung für die Auswirkung von kommunikativen Missverständnissen, wenn folgenreiche Entscheidungen gemacht werden. Beispiele sind medizinische Eingriffe, Gerichtsverhandlungen, Vormundschaften, Vertragsabschlüsse. Hier muss man so gut wie möglich sicherstellen, dass die Botschaften auch wirklich verstanden werden.
  • Bestimmte situative Faktoren wie Gerichtsverhandlungen, Psychotherapie, Bildung, Aufklärung bei medizinischen Eingriffen, um eine selbstwirksame, informierte Entscheidung treffen zu können.
  • Kulturelle Faktoren, z. B. Bei Konzerten und kulturellen Veranstaltungen.

Zusammen sind Taub-Hörende Dolmetschteams, so die beiden, unschlagbar, dafür gab es nur Zustimmung im Publikum.

Der letzte Vortrag hatte es in sich: Lorraine Leeson, Teresa Lynch, Déirdre Daly und Gráinne Meehan (Trinity College Dublin) haben Daten über die Geburten tauber Mütter aus qualitativen Interviews Daten erhoben, um bessere Dolmetschdienstleistungen für sie rund um Geburt und Schwangerschaftsvor- und Nachsorge zu ermöglichen. Denn aus den Interviews leitet sich ab, dass die Situation bis jetzt sehr schlimm ist. Angesichts der Alltäglichkeit und Urmenschlichkeit der existenziellen Erfahrung, die ganze Familien betrifft und die empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zumal, ist dieses Thema unvertretbar vernachlässigt und in der Forschung unterbelichtet, sie zeugt vor systemischer Gewalt an tauben Frauen. Das Forschungsteam kam zum Ergebnis, dass die betroffenen Frauen während der Geburt sehr oft ohne Dolmetschende auskommen mussten, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele mussten sich selbst um Dolmetschung kümmern oder ihre Familienmitglieder sollten dolmetschen. Sie wurden dadurch

  • im Unwissen gelassen wurden
  • Gestresst, besorgt, erschöpft und frustriert und orientierungslos
  • Misstrauten den hörenden Fachleuten, die sich um sie kümmerten,
  • Fühlten sich erniedrigt
  • Konnten kein informiertes Einverständnis zu Maßnahmen geben

Das bedeutet, dass Leib und Leben in Gefahr war durch die dysfunktionale Kommunikationssituation.

Das Team empfiehlt Dolmetschenden diese Fortbildung, um sich Grundwissen für Geburten anzueignen.