Konfernzbericht efsli 2026 in Zagreb

17.09.2026 Alle Titel sind von mir selbst ins Deutsche übersetzt, da dieser Bericht gezielt für deutschsprachige Leser:innen gedacht ist. Nicht alle Konferenzbeiträge sind hier aufgeführt, nur diejenigen, die ich selbst besucht habe. Die Berufsbezeichnung wird routinemäßig erweitert, wie: Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen in Laut- und Gebärdensprachen, hier abgekürzt GSD&Ü.

Dr. Bart Defrancq Wirbt für den prestigereichen Zusammenschluss von Universitäten CIUTI und erzählt von Chancen und Problemen. CIUTI bietet exzellente Masterstudiengänge für hörende und taube Student:innen. Aber sie haben zu wenige Bewerbungen. Auch haben die Mitgliedsinstitute Personalprobleme, da sie keine Tauben Dozentinnen bekommen. Sie möchten Absolvent:innen dazu motivieren, in die Lehre zu gehen. Er wünscht sich, dass sich die Universtiäten auf europäischer Ebene zusammenschließen. Gemeinsame Fortbildungen wie Train the Trainer würden sie unterstützen.

Maya de Wits Keynote Kritisch denken und kollektiv handeln: Bildung für Dolmetschende und Übersetzende für gebärdete Sprachen in Europa nimmt die Statistiken aus ihrer neuesten Veröffentlichung zur Grundlage und fragt nach dem umfassenden Entwicklungspotential unseres professionelles Bildungswesens, also neben den klassischen Hochschulzertifizierungen auch durch Angebote für Fortbildung, Spezialisierung, Praktika usw. Sie zieht Trends aus den Zahlen: Es werden neue klassische Ausbildungsgänge etabliert, im gleichen Zuge aber weiterführende Fortbildungsangebote vernachlässigt. Ausserdem haben in mehr EU-Ländern taube Bewerber:innen Zugang zu Studiengängen – aber die Bewertung dieser Studengänge seitens der tauben Student:innen ist eher schlecht. Allgemein gibt es für die diversen Bedarfe der bestehenden Berufsgruppe zu wenige passende Aus-und Fortbildungsgelegenheiten. Maya betont, dass gerade unsere Diversität eben das Potenzial birgt, das Angebot hervorzubringen, nämlich dadurch dass wir sie unter uns erkennen, benennen, formalisieren und uns gegenseitig anbieten. Nach dem Vortrag hat sie uns aufgefordert, alle unsere Kompetenzen, Fähigkeiten und Talente, die wir teilen würden, auf Post-its aufzuschreiben und auf einer Wand zu sammeln. Maya betont, professionelle Organisationen können bei diesem Prozess einen nachhaltigen Beitrag leisten. Nahtlos knüpft der nächste Vortrag aus der italienischen Perspektive an Mayas Vortrag an.

Genny Brusjean Conte und Francesca Malaspina Von Fragmentierung zur Professionalisierung: Zertifizierung, Verbände und Nachhaltigkeit im italienischen Gebärdensprachdolmetschen. Die Besonderheit in Italien ist, dass es sehr viele konkurrierende GSD-Verbände gibt. Bis 2020 gab es 2, dann bis 2025 kamen viele neue dazu. Um die Situation zu verstehen, wurde eine Umfrage durchgeführt mit 7 Verbänden. Die Methode folgte Braun & Clarkes 6-Phasen Framework (2006, 2019). Arbeitsbedingungen, berufliche Entwicklung und Nachhaltigkeit. Die Schwächen der Umfrage liegen in der geringen Reichweite, möglicherweise durch den Vertrauensmangel zwischen Dolmetschenden mit formeller Ausbildung in den Städten und informeller in den Provinzen, Mangel an Partizipation der Deaf Community. Den Durchführenden der Umfrage wurde dem entsprechend eine elitäre Voreingenommenheit zugeschrieben. Die teilnehmenden Verbände aus Nord- und Zentralregionen wurden Verglichen im Hinblick auf Struktur und Ehrenordnung. Die Gemeinsamkeiten sind, dass alle Vorstände haben und Ehrendordnungen. Die Gestaltung unterscheidet sich jedoch vor allem in der Unterstützung und Partizipation tauber Organisationen. Was zur Gründung der Verbände innerhalb der 5 Jahre führte, waren Haltungsunterschiede zu mehr oder weniger anspruchsvollen Zertifizierungsprozessen und Partizipation tauber Kolleg:innen. Die meisten Befragten arbeiten im Angestelltenverhältnis in Teilzeit 53%, Vollzeit etwa 30% und ein beträchtlicher Teil denkt darüber nach, sich beruflich umzuorientieren, 11% haben das schon getan. Der Verdienst ist nicht auskömmlich. Wichtige Faktoren für den Ausstieg sind fehlender Respekt und Finanzierung und Präkarität. Der fehlende Respekt ist letztlich darauf zurückzuführen, dass Menschenrechte der Beteiligten nicht gewahrt werden. Eine Konsequenz daraus wäre Lobbyarbeit für Professionalisierung im Sinne der Wahrung der Menschenrechte unserer Endkund:innen.

Dorijana Kavcic: Zwischen Erfahrung und Akademie. Der Aufbau eines semiformellen Zertifikationsmodells angesichts fehlender Hochschulbildung für GSD in Kroatien Seit 2012 gibt es den “professional Communication intermediary” als Zusatzqualifikation für Menschen in pödagogischen Professionen. 2023 wurde per Gesetz persönliche Assistenz ermöglicht. Ab da wurde dieser intermediary vor allem für persöliche Assistenzdienste genutzt, die eine beträchtliche Anpassung an die Kommunikationseigenheiten der Auftraggeber:innen hatten, wie z.B. für Taubblinde. Nives Gotovac beschreibt in ihrer Masterarbeit das kroatische Berufsbild für Communication Itermediaries. Viele von ihnen sind Codas und 95% führen neben Sprachmittlung auch andere Tätigkeiten aus. Das Berufsbild ist prekär und die Qualität der Sprachmitttlung nicht zufriedenstellend. Daher sollen sie nur eine Übergangslösung sein, bis die Entscheidungstragenden für die einschlägigen Strukturen Sprach-und Kulturexpertinnen, auch aus der Deaf Community, sind, statt Logopäd:innen und Pädagog:innen. Für letztere wird Lobbyarbeit betrieben.

Paul Michaels: Von Erfahrung zu Referenzen. Die Entdeckung eines komplexen Übergangs für Dolmetschende und Übersetzende in Ausbildung. Mit der Methode thematischer Analyse findet Paul aus seiner Umfrage heraus, dass mit höher werdenden akademischen Standards, wachsenden Erwartungsanforderungen im gesamten Dienstleistungssektor, Student:innen mit und ohne mitgebrachtem kulturellen Kapital (z. B. Codas) und einschlägiger Vertrautheit mit der Deaf Community, z. B. Aus vorausgegangener Berufserfahrung, diverser wird. Das schlägt sich auch im Übergang ins Berufsleben nieder. Es gibt wohl eine Spannung zwischen gelebter Erfahrung und Theorie. Wichtig ist, beide miteinander zu verschränken. Das kann dadurch gelingen, dass man diese Spannung von vornehererein in den Ausbildungen miteinander verknüpft, damit das neu Gelernte mit der eigenen Erfahrung verknüpft werden und zur gelebten und diskursiv geteilten beruflichen Praxis werden kann. Das kann gelingen durch mehr praktische Anteile in der Ausbildung, Mentoring, Supervision, mehr authentische Fallstudien, formaler Anerkennung ihrer Vorbildung. Der Prozess der Entwicklung ihrer professionellen Identität soll in den Ausbildungen höheren Stellenwert bekommen.

Elke Poullet: Professionalisierung in Flandern. Die Perspektiven der Stakeholder auf ein staatliches Register und berufliche Fortbildungspflicht In ihrer MA-Arbeit befasst Elke sich mit der Etablierung eines nationalen Registers einschließlich beruflicher Fortbildung im Sinne der Qualitätssicherung. Bei dieser öffentlich einsehbaren Liste anhand von bestimmten Kriterien qualifizierter Personen, die sich nach bestimmten Regeln kontinuierlich Fortbilden und einem Berufsethos folgen, ist auch ein Beschwerdemanagement notwendig. Näheres dazu in ihrer MA Arbeit.

Sherry Shaw und Eva Sacherer: Zeitliche, Räumliche und Kulturelle Anpassungsfähigkeit. Ein Modell für Gemeinschaftliches Engagement für studierende und praktizierende Gebärdensprachdolmetscher:innen Die US-Amerikanerin Sherry und die Österreicherin Eva zeigen den bestehenden Gegensatz zwischen akademischem Lernen und “Service Learning” in Ausbildungs- und Studiengängen auf. Mit diesem Begriff heben sie unsere Bindung und unser Engagement in der Gehörlosengemeinschaft auf eine allgemein berufliche Ebene, denn er drückt aus, dass diese Bindung, die sich in der alltäglichen beruflichen Grundhaltung offenbart, kein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal ist, sondern gelernt werden kann und die Entwicklung dieser Haltung in Curricula gehört. Die Frage ist wie, weil bisher das in den akademischen Curricula nicht mitgedacht ist. Die Grundlage für die Werte dieser Haltung liegen in der Annahme der eigenen Verantwortung, in Werten der sozialen Gerechtigkeit “Social Justice”, dem Grundsatz der Gehörlosengemeinschaft nicht zu schaden “do no harm”, durch aktives Zuhören,in eigenen positiven Beiträgen zur Gemeinschaft, in Solidarität und tiefe Reflexion, die schliesslich in Handlungen fließen. Dabei ist ein wichtiger Aspekt die konstante individuelle und kollektive Beziehungsarbeit, die Grenzen verhandelt “boundary work”. Dies kann in drei miteinander verflochtenen Dimensionen stattfinden: 1. Räumlich – sich in die Community begeben und präsent sein, 2. Zeitlich – immer wieder eigene Handlungen und Einstellungen (Habitus) aus vergangenen Situationen nachvollziehen, analysieren und dekonstruieren, um sie in der Zukunft zu gestalten, 3. Kulturell: sich vertraut machen mit Kultur und sich damit beschäftigen. Zu kognitiven Grundlagen und Prozessen für diese Boundary Work hat Sherry 2021 schon veröffentlicht: „Service Learning during the COVID-19 Pandemic: A Model of Temporal, Spatial, and Cultural Adaptability”

Mark Berry: Ausbildung und Praxis aufbauen. Erfahrungsbasiertes Lernen bei Berufsanfänger:innen von Dolmetscher:innen und Übersetzer:innen von Laut- und Gebärdensprachen Mark bringt 3 verschiedene Firmenbeispiele für Ferndolmetschdienste an stellt die Art und Weise vor, wie diese Studierende an Praktika heranführen. Sie bieten für interessierte kostenlose Lerngelegenheiten an, in denen hörende und taube gemeinsam lernen und dabei ins gezielt ins Gespräch über berufsrelevante Themen in praktischen Situationen kommen. Wichtig neben dem gemeinsamen Lernraum ist auch eine ermutigende Fehlerkultur, in der Fehler als Lernchance auch für die Firma selbst gesehen werden und Nachhaltigkeit in Bezug auf die körperlichen und emotionalen Ressourcen der Dolmetschenden. Die Firmen bieten auch Peer-to-Peer Räume zur Vernetzung von berufstätigen GSD&Ü an für lebenslanges Lernen und zur Förderung einer diversen professionellen Gemeinschaft. Dazu gehört z. B. Eine online Videosammlung von gebärdeten Inhalten über diverse Themen. Dazu gehören kostenlose Onlinekurse zum Selbstlernen. Die Firmen arbeiten auch mit Ausbildungsstätten zusammen, identifizieren Nischen zur Spezialisierung von GSD&Ü und unterstützen den Spezialisierungsprozess. Auch zur Gehörlosencommunity findet eine aktive Hinwendung statt, z. B. Von Wissens- und Kompetenzstransfer in Form von beispielsweise Kooperationen.

Dina Zander-Tabbert und Jemina Napier (die nicht da war): Doing und Mediation von Vertrauen Trust in gedolmetschten Interaktionen Dina legt dem Vorhandensein von Vertrauen in gedolmetschten Interaktionen die dynamische Triade zugrunde als co-konstruierende Beteiligte. Dabei müssen unterschiedliche Ebenen, Arten und Quellen von Vertrauen einbezogen werden, wie z. B. das Vertrauen in Institutionen. Sie fragt unter anderem nach Strategien, die taube Expert:innen nutzen, um sich innerhalb der gedolmetschten Äusserung, die von einer anderen Person vollführt wird, wiederzufinden (Napier: Translated Deaf Self). Sie verwendet Grounded Theory als Methode und führt halbstrukturierte Interviews durch. Ihre Ergebnisse rücken folgende Kategorien in den Vordergrund: Körperorientierte Selbstbeobachtung und Kongruenz (embodied monitoring and alignment), strukturelle Abhängigkeit und Unsicherheit, gemeinsam konstruierte Vertrauenswürdigkeit und institutionelle Fragilität. Körperbezogene Beobachtung dient unter anderem zur Vergewisserung ob das gemeinte angekommen ist, dadurch dass die erwartete Reaktion beobachtet wird oder auch nich, denn die Unsicherheit, ob auch das, was gemeint war, tatsächlich angekommen ist, ist ein Faktor für Vertrauen. Die Dolmetschung kann beispielsweise durch Mitlesen eines Livemitschnitts kontrolliert werden, das erfordert aber mehr kognitive Belastung auf Seiten der tauben Teilnehmenden. Vertrauenswürdigkeit kann entstehen durch z.B. Transparenz und Kontinuität, aber wichtig ist, dass es eine grundsätzlicheAsymmetrie gibt im Machtverhältnis zwischen Dolmetschenden und Tauben Expert:innen. Institutionelle Fragilität betrifft das agieren der die Dolmetschenden vertretenden Institutionen. Dina spricht von Doing Trust, weil Vertrauen eine dynamische Praxis ist, die wir immer wieder ausüben und in konkreten Situationen innerhalb Gefällen von Macht und Sicherheit ko-konstruieren. Sie führt ein vierteiliges Modell dafür ein, ursprünglich von Hille et al. Aus 2021, welches sie an das Dolmetschen angepasst hat. Dinas Doing-Trust Modell kann uns einen neuen Referenzrahmen bieten, um bewusst so zu handeln, dass wir uns schließlich individuell und kollektiv Vertrauenswürdigkeit erarbeiten.

Camilla Warnicke: Evidenzbasierte Dolmetscherausbildung für den staatlichen schwedischen Ferndolmetschanbieter “bildtelefoni.net” Der einzige staatliche Dienstleister für Ferndolmetschen in Schweden dient als Vorbild für gelingende Einarbeitung von Dolmetscher:innen in die Ferndolmetscharbeit, denn die Dolmetschenden werden in verschiedenen Kursen gründlich eingelernt mit klassischen Lerneinheiten, Fallbeispielen, Hospitationen und Mentoring. Dadurch können sie die unterschiedlichen Herausforderungen, denen sie sich beim Ferndolmetschen stellen müssen, benennen, sich darauf vorbereiten, Kompetenzen erwerben und üben. Die Qualität der Dienstleistung und die Zufriedenheit der Dolmetschenden ist dadurch nachhaltig besser geworden. Mayas Schlussworte betonen, wie wichtig es ist, unsere vorhandenen Kompetenzen und unser Wissen fruchtbar zu machen anhand von Kooperation auf diversen Ebenen, durch die Etablierung von Dolmetschausbildungen auf mindestens BA-Level, durch globalem Outreach zu den relevanten Gemeinschaften und durch lebenslanges Lernen. Die gemeinsame Post-it Wand wuchs während der Konferenztage zu einem sehr großen und bunten Feld. Sie feierte dadurch das blühende Potenzial unser professionellen Gemeinschaft.

Am Ende der Veranstaltung fand eine besondere Staffelstabübergabe statt: der Rucksack mit den Länderaufnähern, der an die Organisator:innen der nächsten efsli Konferenz geht, wird feierlich übergeben. Die nächste Konferenz findet in Berlin statt, vom 17. – 18. April 2027 im Haus der Kulturen der Welt. Auf der Konferenzwebseite stehen alle wichtigen Informationen.

 

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