EFSLI 2025 – Poster

#efsliconference2025

Von allen Postern kann ich leider nicht berichten, hier sind einige ausgewählte.

Azaria Francis und Helen Fuller. Über die Kluft: Ich bin ich aber wer sind wir?

Hallo, ich bin Helen – Ich bin Azaria und das ist unser Poster.

In diesem Poster geht es um die Reflexion kultureller Mediation in Dolmetschsettings mit Hilfe des Interpreting Power and Privilege Wheels (mitte). Wenn wir uns die eigene Verortung in diesem Rad in Bezug auf die Menschen, mit denen wir in den unterschiedlichen Settings zusammen arbeiten stets vergegenwärtigen, hilft uns das, unsere Beziehung im Machtgefälle der aktuellen Situation zu beurteilen und dabei die Mehrdimensionaliät und Dynamik unserer Identitäten zu Nutze zu machen, um aus den Identitäten, die in diesem Moment beziehungsförderlich sind, die Motivation für unsere Verhalten zu schöpfen.

Hier ist der Link zu einer Umfrage der beiden Autor:innen auf Englisch.

Helen Shingler. Die unerkannte kulturelle Kluft bezüglich Neurodiversität

Hallo, ich bin Helen. Tut mir leid, das hiesige Fingeralphabet fällt mir noch schwer. Hier geht es darum, wie wir als Dolmetschende den Bedarfen neurodiverser Kund:innen gerecht werden können.
Hier ist ein Link zur IS-Version.

Helen Shingler hat ein weiteres Poster im Angebot: Multitasking und immer Lächeln: Dein Deaf Heart behalten, während du gleichzeitig allerlei Herausforderungen beim Onlinedolmetschen jonglierst.

Shingler betont die Multitasking-Anforderungen bezüglich Onlinedolmetschen:

  • Interprersonal: Anrufer:innen, die mit der Anrufetikette nicht vertraut sind
  • Intrapersonal: Gibt es ein geteiltes Verständnis?
  • Paralinguistisch: Es ist wahrscheinlicher beim Onlinedolmetschen, dass überregionale Sprachnutzer:innen beteiligt sind und den Dolmetschenden unbekanntes Vokabular nutzen.
  • Umgebungsbedingt: Teilnehmer:innen können sich gegenseitig nicht sehen.

Dabei gibt es unterschiedliche kulturelle Prioritäten bei beiden Seiten, denn Taube Werte (nach Carol Lazorisak) sind: 1. Einstellung der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeigen, 3. Deren Wissen. Dagegen sind die Prioritäten bei Hörenden wie folgt: 1. Wissen der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeiten, 3. Deren Einstellung.

Für hörende GSD bedeutet das, dass ohne klare Strategien ethische Entscheidungen im Stress ad hoc getroffen werden, während der Anruf im Gange ist und das wiederum eine Tendenz zur Voreingenommenheit für die hörende Kultur zur Folge haben kann. Daher, so Shingler, sollten Dolmetschende sich eine Palette an Werkzeugen zulegen, die sie dazu befähigt, aktiv das gegenseitige Verständnis zu fördern, so wie im Poster von Mark Berry und Marlee Dyce dargelegt.

Und hier ist der Link zur IS-Version.

Mark Berry und Marlee Dyce. Was meinst du eigentlich? Sprachliche und kulturelle Feinheiten in anspruchsvollen Ferndolmetscheinsätzen meistern

Hallo, ich bin Mark. – Und ich bin Marlee. – Wir arbeiten bei Sorenson Communications. Hier beschäftigen wir uns mit der Herausforderung im Onlinedolmetschen, das Gehörte eben nicht wortgetreu in die Zielsprache zu übertragen, sondern das Gemeinte mitsamt feiner Bedeutungsnuancen zu erfassen und zielsprachlich zu formulieren. – Ja genau. Voraussetzung dafür ist es, sich vom Quelltext loszulösen. – Und durch die gewonnene Freiheit, die kulturelle Anpassung der Formulierung in der Zielsprache zu leisten.
Auf dem Poster ist ein Link zu einer Demo und einer IS-Präsentation

Zum Ohrenwohl!

Ich bin von den neuen Einstellungsmöglichkeiten der neuen AirPodsPro2 für die Zwecke unserer Arbeit und zum Schutz unserer Hörgesundheit sehr begeistert. 

Oft sind wir in Situationen konfrontiert mit sehr lauten Geräuschen, zum Beispiel Applaus oder wir werden direkt neben Lautsprecher platziert, wobei wir nicht einfach Ohrenstöpsel nehmen können, denn wir müssen viel leisere Äußerungen gut verstehen und dolmetschen. Ohne Hörhilfe müsste ich trotz Lärmbelastung durchgehend mein Gehör auf die leisen Äußerungen anpassen, das heisst Kopfschmerzen, mindestens. Nun benutze ich die neuen AirPodsPro2. Die kann man quasi als einstellbare Ohrenstöpsel verwenden. Ich kann sie so einstellen, dass sie die lauten Geräusche leiser machen und die leisen nicht einschränken. Mit der direkten Bedienung an einem der Pods kann ich die verschiedenen Modi auch direkt wechseln, so dass ich sofort auf veränderte Anforderungen reagieren kann.

Aufsatz über Blickarbeit

Maartje de Meulder und Christopher Stone haben gerade einen Aufsatz über die Unsichtbar gemachte Gaze Work, also “Blickarbeit” gebärdensprachlicher Rezipient:innen von Dolmetschdienstleistungen veröffentlicht mit der provokativen Frage im Titel: Finally Free from the Interpreter’s Gaze? (Endlich frei vom Dolmetscherblick?). 

De Meulder, Maartje and Stone, Christopher (2024) „Finally Free from the Interpreter’s Gaze? Uncovering the Hidden Labor of Gaze Work for Deaf Consumers of Interpreter Services,“ International Journal of Interpreter Education: Vol. 15: Iss. 1, Article 8.

Was ist Blickarbeit?

Mit Blickarbeit verstehen die Autor:innen Maartje de Meulder und Christopher Stone die visuelle Aufmerksamkeitsökonomie, die diskursiv erst seit der massiven Nutzung von Dolmetschdienstleistungen via Onlineplattformen Anerkennung findet. Der normalisierte Aufwand der gebärdensprachlichen Rezipient:innen in Präsenzsettings besteht in der Erwartung, dass die Dolmetschenden von ihnen stets visuell fokussiert werden, von ihnen ein Feedback bekommen darüber, ob sie ihre Aufmerksamkeit haben und verstanden werden (bachkchanneling). Diese Arbeitsleistung wird erst jetzt in der veränderten Blickökonomie am Bildschirm deutlich, wenn der Blickkontakt aufgrund technischer Gegebenheiten nicht eingefordert werden kann. Die Autor:innen empfinden die Entbindung von dieser Erwartung als befreiend. Um diese blickökonomische Forderung, die also bis dato überhaupt kein Thema war und welcher ganz selbstverständlich, als völlig normal erklärt, von Seiten der Rezipient:innen folge geleistet wurde, geht es den beiden Autor:innen. Sie fragen nach dem Ursprung und der Motivation für diese nun entlarvte, benachteiligende Normalisierung. Die Autor:innen schreiben aus ihrer eigenen Erfahrung in akademischen Settings (einschliesslich ihrer Peergroup)  und überlassen uns Leser:innen, diese Erkenntnisse auch auf andere Settings zu übertragen. Dabei soll bedacht werden: Dolmetschen in einem akademischen Setting unterscheidet sich unter anderem darin, dass die Rezipient:innen in der Regel sowohl ein höheres Bildungsniveau haben als in anderen Settings, als auch viel mehr Erfahrung im Umgang mit Dolmetscher:innen.

Die Ideologie dahinter

Die Autor:innen vermuten, dass der Ursprung dieser Normalisierung auf der Annahme beruht, dass Dolmetschung der Teilhabe von gebärdensprachlichen Menschen dient. Diese Ideologie impliziert, dass diese ohne Dolmetscher:innen nicht teilhaben können. Daher nehmen letztere an, dass jegliche Information, die ihre Kund:innen zugute kommt, lediglich von ihnen kommen kann. Diese Grundannahmen werden schon in Dolmetschausbildungen gelehrt. Die Autor:innen schreiben, dass diese Haltung die Kompetenz ihrer Rezipient:innen, multimodal Information wahrzunehmen, völlig unterschätzt.

Es geht den beiden um die Erwartungshaltung, mit der Dolmetschende und ihre Kund:innen unter Leistungsdruck gesetzt werden: Dolmetschende müssen möglichst alle Informationen liefern und die Kund:innen müssen alles Verstehen und dies den Dolmetschenden stets rückmelden. Das belastet beide Seiten. Die Last für die Dolmetschenden wird in dem Aufsatz indirekt deutlich in der anekdotischen Erwähnung bestimmter typischer aufmerksamkeitsstrategischer Verhaltensweisen, um zu vermeiden, dass die Kundschaft Fragen stellt, die womöglich offenbaren, dass diese Teile des Vortrags nicht verstanden oder nicht mitbekommen haben und dies dann möglicherweise Rückschlüsse auf die Unfähigkeit der dolmetschenden Person zulässt, was schambehaftet wäre. Würden sie dann überhaupt nochmal bestellt werden? 

Die Benachteiligung

In dem Aufsatz geht es aber vorwiegend um die kognitive Beslastung tauber Rezipient:innen der Dolmetschleistung im Kontext der Privilegien hörender, mit der Mehrheitsgesellschaft identifizierter Menschen. Wer ist in der privilegierten Position, welchen Blick einzufordern?

Blickökonomische Freiheit

Als Dolmetschende während der Corona-Pandemie zunehmend damit konfrontiert waren, ohne backchanneling, also ins Leere, zu arbeiten, fiel vielen das schwer. Manche haben verlangt, die Kund:innen online zu sehen, obwohl hörende Teilnehmende ihre Kamera aus haben konnten. Die Autori:nnen sehen darin eine Verlagerung des kognitiven Leistungsdrucks von den Empfänger:innen der Dolmetschdienstleistung auf die Dolmetschenden. Sie weisen darauf hin, dass diese Art, ohne Backchanneling zum arbeiten, möglicherweise Konferenzdolmetschen von Communitydolmetschen in gebärdeten Arbeitssprachen unterscheiden könnte. Sie fordern, dass in Ausbildungen die visuelle Aufmeksamkeitsökonomie thematisiert und für eine Bandbreite von Rezipient:innen sensibilisiert wird. Einerseits wird die kognitive Belastung für gebärdensprachliche Rezipient:innen  angesichts der vielen simultanen visuellen Reize thematisiert, wenn sie zusätzlich zur Selbstpräsentation der Vortragenden und ihrem visuellen Input, z. B. Power-Point Präsentation, ungleich dem hörenden Publikum auch noch die Dolmetschenden verfolgen müssen und womöglich zusätzlich dazu Livetext bekommen. Andererseits wird gefordert, in die kognitiven und blickökonomischen Strategien der Rezipient:innen zu Vertrauen, die dafür Strategien entwickelt haben – denn Gebärdensprachnutzende haben ein viel weiteres Gesichtsfeld als andere. 

Fazit

In klaren Worten entlarvt der Artikel also die ideologische Annahme, dass Dolmetschende stets die wichtigste und einzige Informationsquelle für taube Nutzer:innen ihrer Diensleistung sein sollen. Es gibt viele Gründe, warum Kund:innen ihren Blick wandern lassen möchten und oder ihre eigene Kamera abgeschaltet lassen möchten, und das gilt es zu respektieren und Strategien zu finden, um in dieser wohl ungewohnten Situation die Kund:innenen zufriedenzustellen. 

Mein Kommentar

Meiner Überzeugung nach ist diskriminierende Praxis für alle beteiligten belastend, sogar für diejenigen, die offensichtlich daraus Nutzen ziehen. Dieser Nutzen kommt zu einem Preis, und wir sollten uns fragen, ob wir den wirklich zahlen wollen. Der Leistungsdruck, die einzige Informationsquelle zu sein, belastet auch uns Dolmetschende. Denn es ist ein unmöglicher Anspruch, sicherzustellen, dass alles gesagte auch richtig verstanden wird – wie soll denn das gehen? Unmöglich zu erfüllende Ansprüche kenne ich aus meinem Leben als weiblich gelesene Person und als türkische Bildungsinländer:in zur Genüge. Sie sorgen dafür, dass wir uns an unausgesprochenen, unerreichbaren und widersprüchlichen Standards messen, ausbrennen und stets versagen. Dieser Leistungsdruck, in alleiniger Verantwortung die Barierefreiheit herzustellen, in einer audistischen Gesamtgesellschaft kann auch als Übertragung der gesellschaftlichen Verantwortung, selbst zur Barrierearmut beizutragen, verstanden werden – nach dem Motto: Dolmetscher da, erledigt. Dabei haben wir doch schon ein tragfähiges Dolmetschmodell, welches geteilte kommunikative Verantwortung in stets ko-konstruierten Interaktionen reflektiert, nämlich Role-Space. Von dieser Theorie zur Praxis ist es für jede:n für uns relevant, uns mit den, in diesem Artikel gestellten Fragen auseinanderzusetzen. Wie geht es euch damit, “ins Leere” zu dolmetschen? Gibt es Dinge, die dabei anstrengender sind, oder auch leichter fallen?