Cristina Gil und ihr Team haben die diesjährige Konferenz in Lissabon organisiert. Sie zeigt im Video die Gebärde für die Nationalspeise Pastel de Nata. Die Ethnologie der Gebärde ist auch köstlich: Sie ist zurückzuführen auf Kinder, die die wabernde Vanillefüllung als “wie reingerotzt” zeigten – daher das Zuhalten eines Nasenflügels mit dem Daumen und der Flugbewegung der Rotze entlang des kleinen Fingers
Lindsey D. Snyder (University of Maryland). Theater ist politisch: Aus- und Fortbildungen von Dolmetschenden für die Darstellenden Künste im 21. Jahrhundert
In Zeiten der Kürzungen öffentlicher Gelder und ideologischer Reglementierung der darstellenden Künste – in den USA ist es ja heutzutage noch schlimmer als in Deutschland – ist die Bedeutung des Theaters als Ort des Widerstands um so wichtiger. Damit ist auch Zugang zum Theater um so politischer. Snyder nutzt Prism Theory als pädagogischen Ansatz, ein Modell das das Prisma als Metapher nutzt, um Pädagogik unter diesen Aspekten zu verstehen: 1) Erwerb von Kompetenzen, 2) Perspektivwechsel, 3) persönliche Entwicklung, 4) sozialer Aktivismus. Snyder argumentiert, dass wir es in unsere Arbeit tagtäglich mit Inszenierungen zu tun haben, die wir durchaus als theatralische Darstellung verstehen können, zum Beispiel die Reden von Politiker:innen (mein Kommentar: … nicht zuletzt sein Erving Goffmans dramaturgischer Ansatz, welche zwischenmenschliche Interaktion als Theater begreift). Daher sollten wir darstellende Künste in unseren Curricula aufnehmen.
Hier möchte Snyder mit interessierten Dolmetscher:innen Kontakt aufnehmen.
Camilla Warnicke, Catrin Thorin, Elin Svanerud, Jonas Brännvall, Magnus Ryttervik & Malin Tesfazion (Stockholm University). Kulturelles Wissen und Sprachliche Kompetenzen im akademischen Setting entwickeln.
Die Schweden haben ihren Studiengang vorgestellt und erzählt, wie sie ihren Student:innen Gehörlosenkultur beibringen. Dabei sind:
Bezahlte taube Teilnehmende Personen im Lehrbetrieb für Rollenspiele etc.
Zusammenarbeit mit tauben Rentner:innen
Gebärdensprachcafe
Studienaufenthalte (Day of Deaf People)
Mitarbeit in örtlichen Gehörlosenverbänden
Kick-off-Week am Beginn des 2. Semesters, zum einwöchigen immersiven Sprachaufenthalt bei bezahlten Tauben Gastgeber:innen
Zusammenarbeit bei behördlichen Maßnahmen für Arbeitssuchende taube Menschen (z. B. Rollenspiele)
Es ist schwierig, die Student:innen davon zu überzeugen, ihre Freizeit bei Tätigkeiten innerhalb der Gehörlosengemeinschaft zu verbringen und die dort geschaffenen Kontakte auch kontinuierlich zu pflegen. Auch die Diversität der Community kann hier nicht abgebildet werden. Es ist ein Balanceakt, bei der Platzierung der Student:innen die Community nicht zu stören oder auch auszunutzen, und auch die Community ändert sich fortlaufend, da müssen auch die Unternehmungen sich anpassen.
Carolin Denmark (Sorenson). Entwicklungsjahre: sind die GSD des 21. Jahrhunderts “kulturlos”?
Denmark zeigt eine Filmaufnahme von gebärdenden Geistlichen von 1933, um zu zeigen, wie lebhaft und humorvoll sie als Vertreter unterschiedlicher Generationen miteinander interagieren. Diese generationenübergreifende Interaktion fehlt ihr im heutigen Alltag, auch in den Dolmetschausbildungen. Sie fordert eine kulturelle Allianz zur Förderung persönlicher, immersiver Interaktion, um die Kultur nicht nur zu lernen, sondern auch am Leben zu halten.
Abschluss
Nach den Danksagungen für die großartige Arbeit der diesjährigen Organisator:innen verkündet DeafEfsli, dass sie demnächst Fortbildungen und Veranstaltungen anbieten werden. Die nächste Konferenz wird vom 10. – 13. September 2026 in Zagreb, Kroatien stattfinden und danach wird von 16. – 18. April 2027 die Konferenz in Berlin sein (ausnahmsweise im April, weil Wasli im September stattfinden wird). Das Motto für Zagreb wird “Education”, also Bildung sein. Vorschläge für das Thema für Berin, nehme ich dankend hier in den Kommentaren entgegen 🙂
Von allen Postern kann ich leider nicht berichten, hier sind einige ausgewählte.
Azaria Francis und Helen Fuller. Über die Kluft: Ich bin ich aber wer sind wir?
Hallo, ich bin Helen – Ich bin Azaria und das ist unser Poster.
In diesem Poster geht es um die Reflexion kultureller Mediation in Dolmetschsettings mit Hilfe des Interpreting Power and Privilege Wheels (mitte). Wenn wir uns die eigene Verortung in diesem Rad in Bezug auf die Menschen, mit denen wir in den unterschiedlichen Settings zusammen arbeiten stets vergegenwärtigen, hilft uns das, unsere Beziehung im Machtgefälle der aktuellen Situation zu beurteilen und dabei die Mehrdimensionaliät und Dynamik unserer Identitäten zu Nutze zu machen, um aus den Identitäten, die in diesem Moment beziehungsförderlich sind, die Motivation für unsere Verhalten zu schöpfen.
Helen Shingler. Die unerkannte kulturelle Kluft bezüglich Neurodiversität
Hallo, ich bin Helen. Tut mir leid, das hiesige Fingeralphabet fällt mir noch schwer. Hier geht es darum, wie wir als Dolmetschende den Bedarfen neurodiverser Kund:innen gerecht werden können.Hier ist ein Link zur IS-Version.
Helen Shingler hat ein weiteres Poster im Angebot: Multitasking und immer Lächeln: Dein Deaf Heart behalten, während du gleichzeitig allerlei Herausforderungen beim Onlinedolmetschen jonglierst.
Shingler betont die Multitasking-Anforderungen bezüglich Onlinedolmetschen:
Interprersonal: Anrufer:innen, die mit der Anrufetikette nicht vertraut sind
Intrapersonal: Gibt es ein geteiltes Verständnis?
Paralinguistisch: Es ist wahrscheinlicher beim Onlinedolmetschen, dass überregionale Sprachnutzer:innen beteiligt sind und den Dolmetschenden unbekanntes Vokabular nutzen.
Umgebungsbedingt: Teilnehmer:innen können sich gegenseitig nicht sehen.
Dabei gibt es unterschiedliche kulturelle Prioritäten bei beiden Seiten, denn Taube Werte (nach Carol Lazorisak) sind: 1. Einstellung der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeigen, 3. Deren Wissen. Dagegen sind die Prioritäten bei Hörenden wie folgt: 1. Wissen der Dolmetschenden, 2. Deren Fähigkeiten, 3. Deren Einstellung.
Für hörende GSD bedeutet das, dass ohne klare Strategien ethische Entscheidungen im Stress ad hoc getroffen werden, während der Anruf im Gange ist und das wiederum eine Tendenz zur Voreingenommenheit für die hörende Kultur zur Folge haben kann. Daher, so Shingler, sollten Dolmetschende sich eine Palette an Werkzeugen zulegen, die sie dazu befähigt, aktiv das gegenseitige Verständnis zu fördern, so wie im Poster von Mark Berry und Marlee Dyce dargelegt.
Mark Berry und Marlee Dyce. Was meinst du eigentlich? Sprachliche und kulturelle Feinheiten in anspruchsvollen Ferndolmetscheinsätzen meistern
Hallo, ich bin Mark. – Und ich bin Marlee. – Wir arbeiten bei Sorenson Communications. Hier beschäftigen wir uns mit der Herausforderung im Onlinedolmetschen, das Gehörte eben nicht wortgetreu in die Zielsprache zu übertragen, sondern das Gemeinte mitsamt feiner Bedeutungsnuancen zu erfassen und zielsprachlich zu formulieren. – Ja genau. Voraussetzung dafür ist es, sich vom Quelltext loszulösen. – Und durch die gewonnene Freiheit, die kulturelle Anpassung der Formulierung in der Zielsprache zu leisten. Auf dem Poster ist ein Link zu einer Demo und einer IS-Präsentation
als Deaf Geographies (Kusters 2010, 2015, Breivik et al 2012)
als historische Orte wie Schulen
Die Bedeutung von Deaf Space ist sehr weit gefasst. Es handelt sich nicht nur um Orte. Dabei hilft Bourdieus Habitusbegriff und der Begriff Kulturelles Kapital. In diesen Räumen gibt es einen bestimmten Habitus, anhand dessen GSD sich kulturelles Kapital aneignen oder verlieren können. Dabei sind weitere Konzepte wie
Intersectionality (Crenshaw 1989), die Verschränkung von mehreren Identitäten, die nicht in Stein gemeißelt sind
Chip Theory (McRuer 2007), um alle Behinderungen einzuschließen und sich nicht nur auf Taubheit zu fokussieren.
Queer Theory
Rolespace (Llewellyn-Jones und Lee 2013)
Das bedeutet für GSD Studiengänge und Ausbildungen, dass sie nicht nur Sprachen und Dolmetschen lernen, sondern lernen, wie sie sich in Deaf Spaces verhalten. Daher mössen sie 100 Stunden Praktikum im 3. Studienjahr leisten, und zwar in Taub-geführten Umgebungen. Sie können dadurch erleben, wie diese Umgebungen geschaffen sind und sich selbst darin erfahren. Das hat sich bewährt. Adam hat einen Verhaltenscodex (Code of Conduct) entwickelt, der angemessene Kommunikation und respektvolles Verhalten anleitet. Dadurch wird Bewusstsein dafür geschaffen, dass jegliches Verhalten von GSD den Deaf Space beeinflusst, es also Neutralität de facto nicht gibt.
Selina Jaques-King (Wolverhampton) “Der Punkt ist nicht, wie ich mich selbst wahrnehme, sondern wie ich von anderen wahrgenommen werde” BSL Dolmetschende of Color in England.
Mit Ausnahme von Obasi 2013, West Oyedele 2015 und Ford 2021 ist dieses Thema nicht beforscht.
In England sind GSD typischerweise weiss und weiblich (ASLI Census, Napier et al, 2021).
GSD sind bei ihren Kund:innen in kritischen und intimen Lebensmomenten.
Bilinguale und bikulturelle GSD (Grosjean 1996; Napier, McKee and Goswell 2010; Mindess und Holcomb 2011) sind wichtige kulturelle Mediator:innen, aber wie sieht es mit weiteren Minderheitenkulturen aus?
Wenn GSD Aufträge für nicht-Mainstream Veranstaltungen bekommen, müssen Sie den Auftrag erst einmal einschätzuen und planen. Z. B. Kulturelle und/oder religiöse Veranstaltungen wie Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen etc. Sie erzählst das eindrucksvolle Beispiel von einer karibischen Begräbnisfeier, die gar nicht so abläuft wie eine christliche Trauerfeier.
Wie Kultur mit unserer Wahrnehmung von anderen einhergeht:
Wir können nicht davon ausgehen, dass das Aussehen einer Person auf ihre Herkunft oder Ethnizität schließen lässt, mit welcher sie sich selbst identifizieren.
Wie du dich selbst wahrnimmst kann davon abweichen, wie andere dich wahrnehmen.
Wir müssen unsere Wahrnehmung unserer Wahrnehmung bezüglich bewusster und unbewusster Vorurteile sensibilisieren, so dass wir diese möglichst ablegen.
Kulturelles Kapital
Der Begriff von Bourdieu (2013) ist Teil der Selbstreflexion in unseren gängigen Curricula. Allerdings hat das manchmal gar nichts mit Kompetenzen zu tun, sondern einfach nur damit, wie du in diesem spezifischen Kontext aussiehst.
Die Selbsteinschätzung kann daneben liegen.
Wir müssen uns stets fragen, kann es wirken wie kulturelle Inbesitznahme, wenn ich diesen Auftrag übernehme?
Wie werden wir gute Allys?
Ganz wichtig: Zuhören und den Menschen glauben, wenn sie von ihrer gelebten Erfahrung erzählen.
Sich biden: Fachbücher lesen, sich fortbilden, sich mit anderen Kolleg:innen darüber austauschen.
Nicht von den POC erwarten, dass diese dir alles erklären oder für deine Fragen zur Verfügung stehen.
In den Institutionen, wie z. B. Hochschulen oder Berfsverbänden gilt: mehr Repräsentation und dadurch Vorbilder schaffen. In die Öffentlichkeit und in die Communities hineintragen, dass GSD ein Beruf ist, mit dem man eine gute Karriere haben kann. Dabei darauf achten, dass die POC Vorbilder nicht als Tokens benutz werden und solidarisch im Vorfeld geeingete Arbeitsbedingungen für sie schaffen.
Sandra Pratt (Wolverhampton). Die Macht des Portraits: Die sprachliche und kulturelle Identität von britischen GSD-Studierenden entdecken.
Pratts Forschungsfrage lautet, ab wann fühlen sich GSD Student:innen als Teil der Gebärdensprachgemeinschaft?
“Who you act as being in interpersonal and intergroup interaction” (Schwartz et al 2011:2)
Pratt benutzt als Methode die Sprachportraits. Sie lässt welche in Bezug auf Sprachen und andere in Bezug auf Kultur
anfertigen und vergleicht diese. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass bei der multimedialen Reflexion nicht unbedingt Sprachen und über Sprachen transportierte Metaphern benutzt werden müssen.
Wofür stehen Muster, Orte, Symbole und Farben? Diese Freiheit und die darauf folgende gebärden-
sprachliche Besprechung dieser Portraits bietet Chancen, Neues über sich selbst zu erfahren. Pratt lässt diese während des Studiums mehrmals machen und vergleicht die Porträits über die Zeit. Sie macht die individuellen Schwellen aus, die den kulturellen Prozess der Identitätsbildung bei ihren Student:innen zeitigen.
Georgios Statis (Ionian University Christos Georgokostopoulos Thessaly). Digitalen Zugang in kulturellen Räumen sichern: Die Rolle der GSD
GSD bieten sprachlichen Zugang UND vermitteln Kultur und Identität. In einer Kulturlandschaft, wo sich Institutionen in Orte für Dialog mit aktiven Bürger:innen verstehen, spielen GSD eine wichtige Rolle. Statis machte eine große Umfrage unter den Besucher:innen von Museen in Griechenland. Alle Altersgrupppen waren vertreten. Ergebnisse sind: Hybride form von Zugang online und on-site wurden bevorzugt, also kein Entweder- oder, sondern Kombination. Technologie wurde befürwortet. Mit dem Status-quo sind die meisten nicht zufrieden. Sie sind mit den Dienstleistungen rund um ihre Partizipation nicht zufrieden. Auf die Frage, wie oft sie ins Museum gehen, schwankt es zwischen einmal im Jahr und einmal alle drei Monate. Inklusive Museen werden hingegen einmal im Monat aufgesucht. Museen sollten nicht nur auf einzelne Maßnahmen fokussiert sein, sondern holistische Inklusionsmaßnahmen rund um den Besuch bieten, mit Beratung von tauben Experten:innen. Auch zielgruppengerechte Werbung ist hier dabei. Technologien sollten zusätzlich genutzt werden. Das Museum der kykladischen Kunst hat eine App, die als best practice fungiert und vor Ort mit Dolmetschenden flankiert wird.
Gabriella Ardita (University of Catania und Italienischer Dolmetscherverband). Wie LIS Taube Nutzer:innen VRI Dienstleistungen wahrnehmen: Konsequenzen für Dolmetschaus- und Fortbildungen.
Ardita fragt in ihrer Studie nach den Bedarfen von tauben Nutzer:innen von online Dolmetschdienstleistungen. Sie resümiert, dass Onlinedolmetschen eine eigne Arbeitskultur begründet und gezielt, als Spezialisierung, gelernt werden muss. Sie selbst baut an ihrer Uni gerade in Modul zum Onlinedolmetschen auf.
Mark Berry und Wendy White (Sorenson Communications). Doppelt Stark: Zusammenarbeit in Taub-Hörenden Dolmetschteams stärken.
Wie beurteile ich, wann ein HGSD-TGSD Team notwendig ist? Das ist nicht beliebig, sondern kann nach bestimmten Faktoren beurteilt werden.
Einschätzung der Kund:innen: Gibt es Faktoren, die das Sprachverständnis in Verstehen und sich Äußern beeinträchtigen, z. B. Kognitiv (Sprachdeprivation etc.), emotional-verhaltensbedingt (ADHS etc.), Bildungsarmut, Alter, körperliche Beeinträchtigungen.
Risikoeinschätzung für die Auswirkung von kommunikativen Missverständnissen, wenn folgenreiche Entscheidungen gemacht werden. Beispiele sind medizinische Eingriffe, Gerichtsverhandlungen, Vormundschaften, Vertragsabschlüsse. Hier muss man so gut wie möglich sicherstellen, dass die Botschaften auch wirklich verstanden werden.
Bestimmte situative Faktoren wie Gerichtsverhandlungen, Psychotherapie, Bildung, Aufklärung bei medizinischen Eingriffen, um eine selbstwirksame, informierte Entscheidung treffen zu können.
Kulturelle Faktoren, z. B. Bei Konzerten und kulturellen Veranstaltungen.
Zusammen sind Taub-Hörende Dolmetschteams, so die beiden, unschlagbar, dafür gab es nur Zustimmung im Publikum.
Der letzte Vortrag hatte es in sich: Lorraine Leeson, Teresa Lynch, Déirdre Daly und Gráinne Meehan (Trinity College Dublin) haben Daten über die Geburten tauber Mütter aus qualitativen Interviews Daten erhoben, um bessere Dolmetschdienstleistungen für sie rund um Geburt und Schwangerschaftsvor- und Nachsorge zu ermöglichen. Denn aus den Interviews leitet sich ab, dass die Situation bis jetzt sehr schlimm ist. Angesichts der Alltäglichkeit und Urmenschlichkeit der existenziellen Erfahrung, die ganze Familien betrifft und die empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zumal, ist dieses Thema unvertretbar vernachlässigt und in der Forschung unterbelichtet, sie zeugt vor systemischer Gewalt an tauben Frauen. Das Forschungsteam kam zum Ergebnis, dass die betroffenen Frauen während der Geburt sehr oft ohne Dolmetschende auskommen mussten, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele mussten sich selbst um Dolmetschung kümmern oder ihre Familienmitglieder sollten dolmetschen. Sie wurden dadurch
im Unwissen gelassen wurden
Gestresst, besorgt, erschöpft und frustriert und orientierungslos
Misstrauten den hörenden Fachleuten, die sich um sie kümmerten,
Fühlten sich erniedrigt
Konnten kein informiertes Einverständnis zu Maßnahmen geben
Das bedeutet, dass Leib und Leben in Gefahr war durch die dysfunktionale Kommunikationssituation.
Das Team empfiehlt Dolmetschenden diese Fortbildung, um sich Grundwissen für Geburten anzueignen.
1. Workshop von Dr. Maya De Wit: Wie repräsentieren wir unsere Profession, wie arbeiten wir auf der europäischen und nationalen Ebene zusammen?
Take-away: Wir sollen am Schluss kurz, mittelfristige und langfristige Ziele formulieren und diese drei Aspekte dabei berücksichtigen. Führung und Management, Kommunikation nach innen und außen, Organisationsentwicklung (Bindung der Mitglieder, Eventorganisation, Zugänglichkeit, Partnerschaften mit anderen Organisationen).
Umfragen auf Slido:
Woher kommt ihr? Die meisten Vertreter:innen im Publikum kommen aus Deutschland!
Welche Verbandsaufgaben machen wir gut? Die Antwort der meisten war „Die Abwicklung des Tagesgeschäfts“
Was sind die Herausforderungen? Eine breite Palette wird angeführt, vor allem: Aktivierung der Mitglieder, Zusammenarbeit mit einerseits den Behörden, andererseits der Gehörlosengemeinschaft, Arbeitsbedingungen und Kommunikation.
Wie zufrieden sind die Mitglieder mit der Arbeit des Bundesverbands? Welchen Vorteil haben die Mitglieder durch die Mitgliedschaft? Z. B. Dient die Mitgliedschaft nach außen als Qualitätsmerkmal (Logo im Briefkopf oder Email), über aktuelle Entwicklungen informiert werden, Arbeitsbedingungen gestalten und durchsetzen, professionelle Entwicklungsmöglichkeiten …
Die grosse Umfrage von Maya 2020 zeigte folgende Ergebnisse (Bild). Interessant, laut Maya, der Punkt Qualitätskontrolle, auf den sie im zweiten Workshop eingeht.
Wie kannst du deinen Verband stärken? Aus dem Beispiel Holland ist das wichtigste, das institutionelle Wissen, also Was und wie machen wir im Verband, festzuhalten, um es weiterzugeben. Mit allen Verbündeten dem Staat gegenüber solidarisch auftreten. Aus der 2020 Umfrage ergibt sich, dass Dolmetscherverbände im sehr geringen Umfang an politischen Prozessen beteiligt sind, die zur Umsetzung der Ansprüche für Dolmetschleistungen führen.
Projekte kann man mit EU Geldern umsetzen, EFSLI kann bei der Beantragung unterstützen. Maya ruft zur Sammlung von Daten auf: ProQuest kostenlos für Vereine kann man für Umfragen nutzen. Auch Google Workspaces ist für Vereine kostenlos.
2. Workshop von Dr. Maya De Wit: Qualitätssicherung
Qualität: Wer bestimmt diese? Kommt drauf an, denn je nach Perspektive und Kontext kann die Definition unterschiedlich sein. In einer Gruppe sollten wir fragen, welche Quaitätssicherungsmassnahmen es bei unseren Verbänden gibt. Ich habe mit Holland und Litauen in der Gruppe diskutiert und herausgefunden, dass die Holländer daran arbeiten, Spezialisierungen in bestimmten Fachbereichen nachweisen lassen zu können, um dem Bedarf aus der Community nachzukommen (Dolmetschen in zusätzlichen Fremdsprachen oder Fachbereichen), um dafür dann höhere Honorare zu bekommen. Die Holländer, wie auch wir, nehmen als Qualitätssicherungsmassnahme nur GSD mit anerkannten Abschlüssen in die Verbände auf. In Litauen gibt es nur eine Hochschule mit einer 3-jährigen Berufsausbildung. Es gibt etwa 100 GSD und davon haben die wenigsten einen Abschluss. Der Verband nimmt also alle auf, ob Abschluss oder nicht.
Abschluss: Formuliere deine nächsten Schritte, um QS in deinem Land voranzubringen.
Hier sind Maßnahmen unseres Bundesverbandes:
Daten sammeln über den Bedarf der Kund:innen (z. B. Spezialisierungen, Kompetenzen etc.)
Feedbackmanagement nach innen und außen.
Engere Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, inkl. Zugänglichkeit, insbesondere der Gehörlosenverbände.
Laufend Fortbildungen anbieten.
Mitglieder auf dem Laufenden über aktuelle Forschung, Events und relevante Diskurse halten.
Dr. Maya De Wit macht schließlich Werbung für ein Event im Herbst in Siena, Wo es einen innovativen internationalen Studiengang für GSD gibt. Dort präsentieren an zwei Tagen, 9/10 Oktober, die Absolvent:innen ihre Abschlussarbeiten, darunter auch unsere Anja Saft.
3. Workshop vom EUD Franky Picron
Auf EU-Ebene gibt es unter anderem Projektgelder für folgende Bereiche:
Erasmus+ für Bildung, Fortbildung, Mobilität: Standards für Dolmetscher Aus- und Fortbildung, Entwicklung von Lehrplänen.
Horizon Europe für Forschung und Innovation
Creative Europe für Kultur und sprachliche Diversität. Diesen finde ich für die Verbände sehr interessant, denn hier kann man internationale Projektanträge für die Zusammenarbeit von tauben und hörenden GSD im Bereich der Künste stellen.
Herausforderungen auf EU-Ebene
Anerkennung des Berufs ist in den Ländern unterschiedlich
Berufsbild TGSD, Schriftdolmetscher:innen und Dolmetscher:innen für Taubblinde sind noch kaum anerkannt
Ausbildungen sind nicht standardisiert
Prekäre Berschäftigungsverhältnisse und Preisdumping werden gefördert
Dolmetschermangel insbesondere im Stadt-Land Gefälle
Zu wenig Partizipation von tauben Personen, insbesondere in Aus- und Fortbildung und Evaluierung von Maßnahmen
Gruppendiskussion über Allyship: Meine Gruppe kam zum Schluss, dass für stärkere Allyship ein top-down und ein Button-up Ansatz gleichermaßen förderlich wäre. Buttom-up, weil wir in einer immer polarisierteren („schwarz-weiss-denkenden“) Gesellschaft leben, wo taub-hörend als natürlicher Gegensatz in Stein gemeißelt wird. Es gibt schon Gegenbewegungen zu diesem allgemeingesellschaftlichen Trends. Ich bin zum Beispiel Teil des Pocket-Projekts, einer globalen Bewegung, die diesem Trend entgegenwirkt. Da wir hörenden privilegiert sind im Zugang zu solchen Bewegungen und ihren Bildungsangeboten, können wir zuerst bei uns selbst anfangen und gleichermaßen an unserer eigenen geistigen Reflexion zu unserer Offenheit sowie an unserer Beziehungskompetenz (Emotional IQ) arbeiten. In der kollektivistischen Gehörlosengemeinschaft sind gute persönliche Beziehungen sowieso die Bedingung zur Zusammenarbeit. Das kann jede:r von uns selbst, also von unten, Leisten. Auf der Verbandsebene, höher im System, ist eine Vorbild gebende Zusammenarbeit von Dolmetschverband und Gehörlosenverband ausschlaggebend, das sehen wir am Beispiel Belgien. Die erzählen auch, dass auf Systemebene, also top-down, bestimmte Rahmenbedingungen hilfreich sind, die Konkurrenzkämpfe um Ressourcen aus dem Weg räumen: Der Staat fördert und bezahlt den Einsatz von gemischten Teams. Die Belgier, hier zwei junge Vertreter:innen unseres Berufsstands, kennen es gar nicht anders als harmonisch mit den tauben Kolleg:innen und Kund:innen. Whow, das macht Hoffnung.
Sarah Caminada (Schweiz), Anja Saft und Oya Ataman (Deutschland)
Deb Russell’dan: WASLI (işaret dili tercümanı dünya derneği) 2023 Kore de düzenlendi. Sunumları Ingilizce olarak bu bağlantıdan indirebilirsiniz. Bu kitapta, diğer seylerin yani sıra, Alman projesi sign4all‚i dünyaya tanıtan Alman Tabea Philipps’in konusmasini bulacaksınız. Güncel konuların tamamini icindekiler bölümünde bulabilirsiniz.
Von Deb Russell: Unter diesem Link könnt ihr die Vorträge von WASLI auf Englisch downloaden. Darin findet ihr unter anderem den Vortrag von Tabea Philipps, die das deutsche Projekt sign4all dem Rest der Welt vorstellt. Die gesamte Palette an hochaktuellen Themen findet ihr im Inhaltsverzeichnis.
Der eigentliche Grund, warum ich so gerne bei EFSLI bin sind sowohl die Vorträge, als auch das Socializing und das Networking. Es macht mir solche Freude, die Kolleg:innen wiederzusehen! Silke Brendel-Evans, Juliane Rode und ich wohnten in einer schnuckeligen Altbauwohnung im Zentrum neben der besten Eisdiele der Stadt: Gelateria Siculo.
Sich wirklich zu sehen und sich zu unterhalten, das ist selten. Unsere Seelen leuchten auf in der Begegnung, einge-bettet in eine gleichermassen intellektu-ellen wie herzenswarmen Umgebung. Dabei hilft es, dass EFSLI stets vor der Kulisse der schönsten europäischen Städte stattfindet. Dieses Jahr sind wir in Torino – und ich komme sicher wieder zurück. Ich hatte das große Glück, dieses Jahr zum ersten Mal mit meiner Schwester Ajda Loncarevic hier zu sein.
Ajda ist als Networkerin für Verbavoice unterwegs und sagt über ihre Eindrücke: “Ich war beeindruckt, dass ich eine Community vorgefunden habe, in der ich mich gleich willkommen fühlte. Ich war mit meiner Kollegin da, die nicht DGS, geschweige denn IS kann, aber alle haben darauf Rücksicht genommen und beim Gebärden für sie mitgesprochen. Wir hatten besonders am Galatisch erleuchtende Gespräche, zum Beispiel darüber, dass es Gesten gibt, die in einem Land ganz schlimmen Tabugebärden ähneln und in einem anderen völlig ernsthaften Begriffen zugrundeliegen. Die Unterschiede im gesellschaftlichen Status der Profession in den jeweiligen Ländern sind so stark, habe ich da erfahren, weil an unserem Tisch allein schon Kolleg:innen aus fünf Ländern vertreten waren, die sowohl in der Forschung, als auch in der Praxis tätig sind. Es war ja mein Ziel, zu Netzwerken und einen Blick über den deutschen Tellerrand hinaus zu wagen. Unsere Arbeitswelt wird immer globalisierter, multilingualer, multimodaler und technisierter. Dienstleistungen zum Abbau sprachlicher Barrieren müssen diese Herausforderungen daher auch pro-aktiv angehen. Ich habe viel darüber erfahren, was Dolmetschende brauchen, um gut und gerne zu arbeiten. Ich möchte auf jeden Fall regelmäßig dabei sein.” Save the Date: 12. – 14. September 2025 EFSLI in Lissabon.
Dr. Isabelle Heyerick, Irland und Belgien, trägt vor über die Nachhaltigkeit unserer Profession: halten wir diejenigen Kolleg:innen, die eine Ausbildung gemacht haben, auch tatsächlich im Berufsleben? Warum machen Gebärdensprachdolmetscher:innen eine Ausbildung oder ein Studium und arbeiten dann gar nicht als solche? Was hat es auf sich mit dem so genannten „Dolmetschermangel“? Bevor Isabelle beginnt, gibt es zwei kurze Videos von tauben Vertreter:innen der Community, die bestätigen, dass dieses Forschungsprojekt für sie unterstützenswert ist. Das Projekt ist angelegt als eine belgische, landesweite Umfrage. Von 445 arbeiten 194 überhaupt als GSD, davon 48 Vollzeit (etwa 700 Dolmetschstunden pro Jahr). Bedarf nach Behördenrechnung: 123,000 Stunden (nach meiner Rechnung wären 2/3 des Bedarfs nicht abgedeckt). Woran liegt das? Müssen wir wirklich mehr ausbilden oder eher schauen, dass die Arbeitsbedingungen so gestaltet sind, dass sie tatsächlich gut und gerne – und vor allem nachhaltig – arbeiten können. 217 GSD haben an der Umfrage teilgenommen. Davon 91% hörend 6.9 taub, rest schwerhörig und nicht angegeben. Davon 91% weiblich, 8% männlich rest ohne Angabe. Die am höchsten vertretene Altersgruppe ist 31-40 Jahre alt.
Von den Gründen für Absolvent:innen überhaupt nicht in den Beruf einzusteigen, sind die drei relevantesten: „Ich denke, ich bin noch nicht bereit dazu“;“ die Selbständigkeit hält mich davon ab“, „ich kann den Beruf nicht mit meinem anderen Job oder mit der Familie zusammenbringen“. Gründe für die Reduktion der Dolmetschzeit sind hauptsächlich: „Unvereinbarkeit mit der Familie“,“ eine andere berufliche Orientierung“, „fehlende finanzielle Absicherung“. Gründe für den Berufsausstieg sind: „Unvereinbarkeit von Beruf und Familie“ und „negative Work-Life-Balance“. Folgendes würde GSD zum Wiedereinstieg oder zur Erhöhung ihrer Arbeitszeit zu motivieren: „die persönlichen Lebensumstände müssen passen“, „die Bezahlung müsste besser sein, Vorbereitungs- und Reisezeit müssten berücksichtigt werden“, „Mentoring“, „Anstellung“, „Höhere Bezahlung für Arbeit am Wochenende, Feiertags und Abends“, „Fortbildungspflicht“, „bessere Fortbildung“, „höhere Wertschätzung“ und „mehr Bewusstsein bei allen beteiligten Gruppen über die Relevanz der Arbeit“. Folgende Maßnahmen würden den Berufseinstieg besser möglich machen: „soziale und finanzielle Absicherung (bei Elternschaft, bei Krankheit, Arbeitslosenversicherung, bei Carearbeit)“; „mehr Sicherheit“, „bessere Fortbildung in den Arbeitssprachen“, „Unterstützung bei unterschiedlichen Aspekten wie Technik und Verwaltung“, „passende Rentengestaltung“. Der hauptsächliche Grund, aus dem diejenigen, die Vollzeit arbeiten, dabei bleiben, ist die persönliche Zufriedenheit, die man wohl auch Berufung nennen könne. Hier kann man jetzt schon im Detail die Studie einsehen, demnächst auch auf Englisch.
Als Fazit nennt Isabelle ganzheitlich orientierte, individualisiertere Maßnahmen, die ausgerichtet sind an den Bedarfen eines Berufs, in dem vornehmlich Frauen arbeiten, die auf die Rente zugehen. Diese Umfrage und ihre Ergebnisse beziehen sich auf Belgien, Isabelle empfiehlt, im eigenen Land diese Bedarfe zu erfassen. Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse sehr ähnlich ausfallen würden, was denkt ihr? Ich habe Isabelle in einem persönlichen Gespräch gefragt, wie ich alle Leute um mich herum wissen lassen kann, wie sehr ich meinen Beruf liebe. Das zu tun, vor allem den sozialen Medien, hätte eine hohe Selbstpräsenz und die Erregung hoher Aufmerksamkeit zur Folge. Ich vermisse ein Format, in dem ich das unverfänglich und vereinbar mit meinem Ehrencodex in die Welt tragen kann. Sie meint: Lass uns gemeinsam daran arbeiten. Habt ihr Ideen dazu?
Dc. Res. Karolien Gerbers möchte, dass wir unsere Positionalität als GSD im Kontext eines soziokonstruktivistischen und diversitätskritischen Ansatzes reflektieren lernen und empfiehlt visuelle Methoden dazu. In einfachen Worten: Wer bin ich als Dolmerscher:in, was macht meine Identität aus? Wenn ich darüber nachdenke, wie kommen meine anderen miteinander Identitäten ins Zusammenspiel? Denken wir dann über unsere biases nach? Über komplexe Dynamiken von Unterdrückung und Privilegien und unsere Beteiligung an ihnen? Um das in ihren Workshops zu erfassen, benutzt sie kunstpädagogische Methoden z. B. Bilder oder Mindmaps mit Fragestellungen, welche die Selbsterfahrung in spezifischen Arbeitssituationen betreffen. Sie lässt Soziogramme anfertigen. Im Debriefing wird dann nachgefragt: Was fällt dir auf, wenn du Dein Bild betrachtest? Was kannst du aus den Verhältnissen von Nähe und Distanz im Soziogramm lesen? Welche Wortwahl und welche Sprache verwenden wir, um über bestimmte Gruppen und in bestimmten Anlässen zu reden? Zusammenfassend bieten visuelle Reflexionsmethoden ein lohnendes Medium, als Gesprächsgrundlage, um uns über unbequeme und tiergehende Themen auszutauschen. Literaturtipps: Blair Imani, Read This To Get Smarter: About Race, Class, Gender, Disability and More. Penguin Random House, 2021, und Megan Pillow and Roxane Gay, Do The Work. Leaping Hare, 2024. Ausserdem folgende Blogtipps: Acadeafics und Not the angry Deaf person