EFSLI 2025 – Freitag, 12.09.25 efsliday

#efsliconference2025

1. Workshop von Dr. Maya De Wit: Wie repräsentieren wir unsere Profession, wie arbeiten wir auf der europäischen und nationalen Ebene zusammen?

Take-away: Wir sollen am Schluss kurz, mittelfristige und langfristige Ziele formulieren und diese drei Aspekte dabei berücksichtigen. Führung und Management, Kommunikation nach innen und außen, Organisationsentwicklung (Bindung der Mitglieder, Eventorganisation, Zugänglichkeit,  Partnerschaften mit anderen Organisationen).

Umfragen auf Slido:

  • Woher kommt ihr? Die meisten Vertreter:innen im Publikum kommen aus Deutschland!
  • Welche Verbandsaufgaben machen wir gut? Die Antwort der meisten war „Die Abwicklung des Tagesgeschäfts“
  • Was sind die Herausforderungen? Eine breite Palette wird angeführt, vor allem: Aktivierung der Mitglieder, Zusammenarbeit mit einerseits den Behörden, andererseits der Gehörlosengemeinschaft, Arbeitsbedingungen und Kommunikation.
  • Wie zufrieden sind die Mitglieder mit der Arbeit des Bundesverbands? Welchen Vorteil haben die Mitglieder durch die Mitgliedschaft? Z. B. Dient die Mitgliedschaft nach außen als Qualitätsmerkmal (Logo im Briefkopf oder Email), über aktuelle Entwicklungen informiert werden, Arbeitsbedingungen gestalten und durchsetzen, professionelle Entwicklungsmöglichkeiten …

Die grosse Umfrage von Maya 2020 zeigte folgende Ergebnisse (Bild). Interessant, laut Maya, der Punkt Qualitätskontrolle, auf den sie im zweiten Workshop eingeht.

 

Wie kannst du deinen Verband stärken? Aus dem Beispiel Holland ist das wichtigste, das institutionelle Wissen, also Was und wie machen wir im Verband, festzuhalten, um es weiterzugeben. Mit allen Verbündeten dem Staat gegenüber solidarisch auftreten. Aus der 2020 Umfrage ergibt sich, dass Dolmetscherverbände im sehr geringen Umfang an politischen Prozessen beteiligt sind, die zur Umsetzung der Ansprüche für Dolmetschleistungen führen.

Projekte kann man mit EU Geldern umsetzen, EFSLI kann bei der Beantragung unterstützen. Maya ruft zur Sammlung von Daten auf: ProQuest kostenlos für Vereine kann man für Umfragen nutzen. Auch Google Workspaces ist für Vereine kostenlos.

2. Workshop von Dr. Maya De Wit: Qualitätssicherung

Qualität: Wer bestimmt diese? Kommt drauf an, denn je nach Perspektive und Kontext kann die Definition unterschiedlich sein. In einer Gruppe sollten wir fragen, welche Quaitätssicherungsmassnahmen es bei unseren Verbänden gibt. Ich habe mit Holland und Litauen in der Gruppe diskutiert und herausgefunden, dass die Holländer daran arbeiten, Spezialisierungen in bestimmten Fachbereichen nachweisen lassen zu können, um dem Bedarf aus der Community nachzukommen (Dolmetschen in zusätzlichen Fremdsprachen oder Fachbereichen), um dafür dann höhere Honorare zu bekommen. Die Holländer, wie auch wir, nehmen als Qualitätssicherungsmassnahme nur GSD mit anerkannten Abschlüssen in die Verbände auf. In Litauen gibt es nur eine Hochschule mit einer 3-jährigen Berufsausbildung. Es gibt etwa 100 GSD und davon haben die wenigsten einen Abschluss. Der Verband nimmt also alle auf, ob Abschluss oder nicht.

Abschluss: Formuliere deine nächsten Schritte, um QS in deinem Land voranzubringen.

 Hier sind Maßnahmen unseres Bundesverbandes:

  • Daten sammeln über den Bedarf der Kund:innen (z. B. Spezialisierungen, Kompetenzen etc.)
  • Feedbackmanagement nach innen und außen.
  • Engere Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, inkl. Zugänglichkeit, insbesondere der Gehörlosenverbände.
  • Laufend Fortbildungen anbieten.
  • Mitglieder auf dem Laufenden über aktuelle Forschung, Events und relevante Diskurse halten.

Dr. Maya De Wit macht schließlich Werbung für ein Event im Herbst in Siena, Wo es einen innovativen internationalen Studiengang für GSD gibt. Dort präsentieren an zwei Tagen, 9/10 Oktober, die Absolvent:innen ihre Abschlussarbeiten, darunter auch unsere Anja Saft.

3. Workshop vom EUD Franky Picron

Auf EU-Ebene gibt es unter anderem Projektgelder für folgende Bereiche:

  • Erasmus+ für Bildung, Fortbildung, Mobilität: Standards für Dolmetscher Aus- und Fortbildung, Entwicklung von Lehrplänen.
  • Horizon Europe für Forschung und Innovation
  • Creative Europe für Kultur und sprachliche Diversität. Diesen finde ich für die Verbände sehr interessant, denn hier kann man internationale Projektanträge für die Zusammenarbeit von tauben und hörenden GSD im Bereich der Künste stellen.

Herausforderungen auf EU-Ebene

  • Anerkennung des Berufs ist in den Ländern unterschiedlich
  • Berufsbild TGSD, Schriftdolmetscher:innen und Dolmetscher:innen für Taubblinde sind noch kaum anerkannt
  • Ausbildungen sind nicht standardisiert
  • Prekäre Berschäftigungsverhältnisse und Preisdumping werden gefördert
  • Dolmetschermangel insbesondere im Stadt-Land Gefälle
  • Zu wenig Partizipation von tauben Personen, insbesondere in Aus- und Fortbildung und Evaluierung von Maßnahmen

Gruppendiskussion über Allyship: Meine Gruppe kam zum Schluss, dass für stärkere Allyship ein top-down und ein Button-up Ansatz gleichermaßen förderlich wäre. Buttom-up, weil wir in einer immer polarisierteren („schwarz-weiss-denkenden“) Gesellschaft leben, wo taub-hörend als natürlicher Gegensatz in Stein gemeißelt wird. Es gibt schon Gegenbewegungen zu diesem allgemeingesellschaftlichen Trends. Ich bin zum Beispiel Teil des Pocket-Projekts, einer globalen Bewegung, die diesem Trend entgegenwirkt. Da wir hörenden privilegiert sind im Zugang zu solchen Bewegungen und ihren Bildungsangeboten, können wir zuerst bei uns selbst anfangen und gleichermaßen an unserer eigenen geistigen Reflexion zu unserer Offenheit sowie an unserer Beziehungskompetenz (Emotional IQ) arbeiten. In der kollektivistischen Gehörlosengemeinschaft sind gute persönliche Beziehungen sowieso die Bedingung zur Zusammenarbeit. Das kann jede:r von uns selbst, also von unten, Leisten. Auf der Verbandsebene, höher im System, ist eine Vorbild gebende Zusammenarbeit von Dolmetschverband und Gehörlosenverband ausschlaggebend, das sehen wir am Beispiel Belgien. Die erzählen auch, dass auf Systemebene, also top-down, bestimmte Rahmenbedingungen hilfreich sind, die Konkurrenzkämpfe um Ressourcen aus dem Weg räumen: Der Staat fördert und bezahlt den Einsatz von gemischten Teams. Die Belgier, hier zwei junge Vertreter:innen unseres Berufsstands, kennen es gar nicht anders als harmonisch mit den tauben Kolleg:innen und Kund:innen. Whow, das macht Hoffnung.

Sarah Caminada (Schweiz), Anja Saft und Oya Ataman (Deutschland)

EFSLI Turin 2024 – Tag 2

Dr. Maya de Wit trägt vor über die Notwendigkeit für Dolmetscher:innen, sich stets fortzubilden “Eternally Qualified”. Empfohlene Literatur u. a. zur Ungleichheit zwischen Lautsprachen- und Gebärdensprachendolmetscher:innen ist Ester Monzo-Nebot und Maria Lomena-Galiano (ed): Toward Inclusion and Social justice in Institutional Translation and Interpreting: Revealing Hidden Practices of Exclusion, Routledge. Wir wollen zwar alle gute Qualität in unserer Arbeit erreichen, aber unterschiedliche beteiligte Gruppen haben unterschiedliche Prioritäten dafür, was Qualität überhaupt ausmacht. Taube Kund:innen finden Dolmetschkompetenz am wichtigsten, aber für unterschiedliche Settings gibt es unterschiedliche Prioritäten, denn bei Arztbesuchen ist Vertrauen das wichtigste, im Bildungswesen die Fähigkeit der Dolmetschenden sich anzupassen und im Arbeitskontext fundiertes Fachwissen zu haben. Hörende Kund:innen finden die Virtuosität den Lautsprachen am wichtigsten. Dolmetscher:innen selbst finden professionelle Einstellung und Virtuosität in Gebärdensprachen am relevantesten. Wie gehen wir in dieser Situation mit dem Thema Qualitätssicherung um? Wie adressieren wir diese in unseren Curricula? Im Vergleich der Europäischen Länder 2016 und 2020 stellen wir eine signifikante Zunahme von BA Studiengängen bei Abnahme von berufsbegleitenden Qualifikationen fest. Was ist nach dem Abschluss? Dazu macht Maya eine groß angelegte partizipative Umfrage, wer mehr darüber wissen möchte und auch teilnehmen möchte, abonniert am besten ihren Newsletter via Mayas Webseite.

Dc. Res. Yvonne Wedel und Dr. Rachel Mason von der Queen Margaret University in Edinburgh bieten einen berufsbegleitenden Master im Gebärdensprachdolmetschen an. Der ist komplett online, man hat aber eine Gruppe in der eigenen gebärdeten Arbeitssprache vor Ort. Der Zugang ist niederschwellig, was vorausgesetzte akademische Abschlüsse betrifft: Weder Abitur noch BA müssen nachgewiesen werden, lediglich 3 Jahre Berufserfahrung als Dolmetscher:in für gebärdete Sprachen. Allerdings muss man Englisch können, denn das ist die Unterrichtssprache. Für alle, die sich also weitere Qualifikation wünschen mit umfassenden Inhalten Weiterentwicklung von Schlüsselkompetenzen zu unserem Beruf, um sich auf den neusten Stand der Forschung bringen und sich daraufhin vielleicht zu spezialisieren oder dann sogar selber zu forschen, Dissertation zu machen, ist das ein tolles Angebot. Ein Modul (Semester) kostet 1090 Britische Pfund, Minimum sind 4 Semester in 2 Jahren, mehr darüber im Link oben.

Einblick in die Situation der Kolleg:innen in Polen gibt uns Dr. Aleksandra Kalata-Zawlocka und Kamila Skalska. Inspiriert von einem EFSLI Vortrag der Briten letztes Jahr haben sie einen Zensus gemacht, also eine Bestandsaufnahme von den jetzt arbeitenden Kolleg:innen erstellt anhand von Umfragen. Das belegte zum Beispiel, dass die meisten nebenberuflich arbeiten. Daher haben sie die Fortbildungspflicht auf die Bedürfnisse dieser Gruppe angepasst. Diese Fortbildungspflicht, die von drei Säulen getragen wird, ist verpflichtend: 1. für alle gleich, pro-aktive professionelle Entwicklung, 2. und 3. wahlweise, aktive Teilnahme in der Gehörlosengemeinschaft und Engagement im Berufsverband. Sie empfehlen allen nationalen Verbänden die Erstellung einer solchen Bestandsaufnahme.

Feierliches Abstempeln der Briefmarke gewidmet der Anerkennung der Italienischen Gebärdensprache LIS – Lingua dei Segni Italiana. Foto: Rosaria Marano, Vorsitzende des italienischen Dolmetscherverbänden ANIMU (es gibt übrigens fünf nationale Verbände) stellt die Briefmarke vor.

Prof. Jemina Napier und Prof. Alys Young aus Edinburgh: Das INForMHAA Projekt (sprich: info:ma) beschäftigt sich mit Dolmetschen in Begutachtungsverfahren für Zwangseinweisungen im Kontext des britischen Mental Health Acts von 1983. Dieses Gesetz regelt die Verfahren, die eingeleitet werden, wenn festgestellt wird, dass die betreffende Person eine akute und erhebliche Selbst- oder Fremdgefährdung vorliegt und als Konsequenz in eine psychiatrische Anstalt gegen ihre Willen  eingewiesen werden muss. Aber wie läuft diese Feststellung ab im Falle von gebärdensprachlichen Patient:innen? Immerhin werden diese Personen ihrer Selbstbestimmung beraubt während andere bestimmen, was gut für sie selbst sein soll. Bestimmend für einen Lösungsansatz im Umgang mit der Verantwortung innerhalb der hohen Zahl an Zwangseinweisungen ist interprofessionelle Zusammenarbeit. Dazu, ist ihr Fazit, brauchen alle beiteiligten ein Empowerment, ihre eigenen Bedürfnisse für eine gute Zusammenarbeit zu artikulieren. Hier sind die von ihnen zusammengestellten Ressourcen, um diese Zusammenarbeit zu lernen zum Runterladen.

Helen Volkes und Mark Berry aus Wales listen viele erfrischend-eingängige Beispiele zu Hearing Privilege, um uns dazu zu motivieren, uns nicht aus unseren Lorbeeren (fertige Abschlüsse) auszuruhen, und uns stets die Mühe zu machen, uns fortzubilden, um unseren Anschluss an die sich stetig verändernde – da blühend-lebendige – jeweilige Gebärdensprache(n) und Gehörlosencommuity nicht zu verlieren.