EFSLI 2025 – 12.09.25 Konferenztag 1

#efsliconference2025

Keynote: Robert Adam (Herriot-Watt). Deaf Spaces in Dolmetscher/Übesetzeraus- und -fortbildungen

In diesem Vortrag fächert Adam das Konzept Deaf Space in seine unterschiedlichen Aspekte auf, wie

  • Architektur
  • als soziokulturelles Konzept (Gulliver 2006)
  • als Deaf Geographies (Kusters 2010, 2015, Breivik et al 2012)
  • als historische Orte wie Schulen

Die Bedeutung von Deaf Space ist sehr weit gefasst. Es handelt sich nicht nur um Orte. Dabei hilft Bourdieus Habitusbegriff und der Begriff Kulturelles Kapital. In diesen Räumen gibt es einen bestimmten Habitus, anhand dessen GSD sich kulturelles Kapital aneignen oder verlieren können. Dabei sind weitere Konzepte wie

  • Intersectionality (Crenshaw 1989), die Verschränkung von mehreren Identitäten, die nicht in Stein gemeißelt sind
  • Chip Theory (McRuer 2007), um alle Behinderungen einzuschließen und sich nicht nur auf Taubheit zu fokussieren.
  • Queer Theory
  • Rolespace (Llewellyn-Jones und Lee 2013)

Das bedeutet für GSD Studiengänge und Ausbildungen, dass sie nicht nur Sprachen und Dolmetschen lernen, sondern lernen, wie sie sich in Deaf Spaces verhalten. Daher mössen sie 100 Stunden Praktikum im 3. Studienjahr leisten, und zwar in Taub-geführten Umgebungen. Sie können dadurch erleben, wie diese Umgebungen geschaffen sind und sich selbst darin erfahren. Das hat sich bewährt. Adam hat einen Verhaltenscodex (Code of Conduct) entwickelt, der angemessene Kommunikation und respektvolles Verhalten anleitet. Dadurch wird Bewusstsein dafür geschaffen, dass jegliches Verhalten von GSD den Deaf Space beeinflusst, es also Neutralität de facto nicht gibt.

Selina Jaques-King (Wolverhampton) “Der Punkt ist nicht, wie ich mich selbst wahrnehme, sondern wie ich von anderen wahrgenommen werde” BSL Dolmetschende of Color in England.

  •   Mit Ausnahme von Obasi 2013, West Oyedele 2015 und Ford 2021 ist dieses Thema nicht beforscht.
  •   In England sind GSD typischerweise weiss und weiblich (ASLI Census, Napier et al, 2021).
  •   GSD sind bei ihren Kund:innen in kritischen und intimen Lebensmomenten.
  •   Bilinguale und bikulturelle GSD (Grosjean 1996; Napier, McKee and Goswell 2010; Mindess und Holcomb 2011) sind wichtige kulturelle Mediator:innen, aber wie sieht es mit weiteren Minderheitenkulturen aus?

Wenn GSD Aufträge für nicht-Mainstream Veranstaltungen bekommen, müssen Sie den Auftrag erst einmal einschätzuen und planen. Z. B. Kulturelle und/oder religiöse Veranstaltungen wie Hochzeiten, Begräbnisse, Taufen etc. Sie erzählst das eindrucksvolle Beispiel von einer karibischen Begräbnisfeier, die gar nicht so abläuft wie eine christliche Trauerfeier.

Wie Kultur mit unserer Wahrnehmung von anderen einhergeht:

  •   Wir können nicht davon ausgehen, dass das Aussehen einer Person auf ihre Herkunft oder Ethnizität schließen lässt, mit welcher sie sich selbst identifizieren.
  •   Wie du dich selbst wahrnimmst kann davon abweichen, wie andere dich wahrnehmen.
  •   Wir müssen unsere Wahrnehmung unserer Wahrnehmung bezüglich bewusster und unbewusster Vorurteile sensibilisieren, so dass wir diese möglichst ablegen.

Kulturelles Kapital

  •   Der Begriff von Bourdieu (2013) ist Teil der Selbstreflexion in unseren gängigen Curricula. Allerdings hat das manchmal gar nichts mit Kompetenzen zu tun, sondern einfach nur damit, wie du in diesem spezifischen Kontext aussiehst.
  •   Die Selbsteinschätzung kann daneben liegen.
  •   Wir müssen uns stets fragen, kann es wirken wie kulturelle Inbesitznahme, wenn ich diesen Auftrag übernehme?

Wie werden wir gute Allys?

  •   Ganz wichtig: Zuhören und den Menschen glauben, wenn sie von ihrer gelebten Erfahrung erzählen.
  •   Sich biden: Fachbücher lesen, sich fortbilden, sich mit anderen Kolleg:innen darüber austauschen.
  •   Nicht von den POC erwarten, dass diese dir alles erklären oder für deine Fragen zur Verfügung stehen.

In den Institutionen, wie z. B. Hochschulen oder Berfsverbänden gilt: mehr Repräsentation und dadurch Vorbilder schaffen. In die Öffentlichkeit und in die Communities hineintragen, dass GSD ein Beruf ist, mit dem man eine gute Karriere haben kann. Dabei darauf achten, dass die POC Vorbilder nicht als Tokens benutz werden und solidarisch im Vorfeld geeingete Arbeitsbedingungen für sie schaffen.

Sandra Pratt (Wolverhampton). Die Macht des Portraits: Die sprachliche und kulturelle Identität von britischen GSD-Studierenden entdecken.

Pratts Forschungsfrage lautet, ab wann fühlen sich GSD Student:innen als Teil der Gebärdensprachgemeinschaft?

“Who you act as being in interpersonal and intergroup interaction” (Schwartz et al 2011:2)

Pratt benutzt als Methode die Sprachportraits. Sie lässt welche in Bezug auf Sprachen und andere in Bezug auf Kultur

anfertigen und vergleicht diese. Ein Vorteil dieser Methode ist, dass bei der multimedialen Reflexion nicht unbedingt Sprachen und über Sprachen transportierte Metaphern benutzt werden müssen.

Wofür stehen Muster, Orte, Symbole und Farben? Diese Freiheit und die darauf folgende gebärden-

sprachliche Besprechung dieser Portraits bietet Chancen, Neues über sich selbst zu erfahren. Pratt lässt diese während des Studiums mehrmals machen und vergleicht die Porträits über die Zeit. Sie macht die individuellen Schwellen aus, die den kulturellen Prozess der Identitätsbildung bei ihren Student:innen zeitigen.

Georgios Statis (Ionian University Christos Georgokostopoulos Thessaly). Digitalen Zugang in kulturellen Räumen sichern: Die Rolle der GSD

GSD bieten sprachlichen Zugang UND vermitteln Kultur und Identität. In einer Kulturlandschaft, wo sich Institutionen in Orte für Dialog mit aktiven Bürger:innen verstehen, spielen GSD eine wichtige Rolle. Statis machte eine große Umfrage unter den Besucher:innen von Museen in Griechenland. Alle Altersgrupppen waren vertreten. Ergebnisse sind: Hybride form von Zugang online und on-site wurden bevorzugt, also kein Entweder- oder, sondern Kombination. Technologie wurde befürwortet. Mit dem Status-quo sind die meisten nicht zufrieden. Sie sind mit den Dienstleistungen rund um ihre Partizipation nicht zufrieden. Auf die Frage, wie oft sie ins Museum gehen, schwankt es zwischen einmal im Jahr und einmal alle drei Monate. Inklusive Museen werden hingegen einmal im Monat aufgesucht. Museen sollten nicht nur auf einzelne Maßnahmen fokussiert sein, sondern holistische Inklusionsmaßnahmen rund um den Besuch bieten, mit Beratung von tauben Experten:innen. Auch zielgruppengerechte Werbung ist hier dabei. Technologien sollten zusätzlich genutzt werden. Das Museum der kykladischen Kunst hat eine App, die als best practice fungiert und vor Ort mit Dolmetschenden flankiert wird.


Gabriella Ardita (University of Catania und Italienischer Dolmetscherverband). Wie LIS Taube Nutzer:innen VRI Dienstleistungen wahrnehmen: Konsequenzen für Dolmetschaus- und Fortbildungen.

Ardita fragt in ihrer Studie nach den Bedarfen von tauben Nutzer:innen von online Dolmetschdienstleistungen. Sie resümiert, dass Onlinedolmetschen eine eigne Arbeitskultur begründet und gezielt, als Spezialisierung, gelernt werden muss. Sie selbst baut an ihrer Uni gerade in Modul zum Onlinedolmetschen auf.

Mark Berry und Wendy White (Sorenson Communications). Doppelt Stark: Zusammenarbeit in Taub-Hörenden Dolmetschteams stärken.

Wie beurteile ich, wann ein HGSD-TGSD Team notwendig ist? Das ist nicht beliebig, sondern kann nach bestimmten Faktoren beurteilt werden.

  • Einschätzung der Kund:innen: Gibt es Faktoren, die das Sprachverständnis in Verstehen und sich Äußern beeinträchtigen, z. B. Kognitiv (Sprachdeprivation etc.), emotional-verhaltensbedingt (ADHS etc.), Bildungsarmut, Alter, körperliche Beeinträchtigungen.
  • Risikoeinschätzung für die Auswirkung von kommunikativen Missverständnissen, wenn folgenreiche Entscheidungen gemacht werden. Beispiele sind medizinische Eingriffe, Gerichtsverhandlungen, Vormundschaften, Vertragsabschlüsse. Hier muss man so gut wie möglich sicherstellen, dass die Botschaften auch wirklich verstanden werden.
  • Bestimmte situative Faktoren wie Gerichtsverhandlungen, Psychotherapie, Bildung, Aufklärung bei medizinischen Eingriffen, um eine selbstwirksame, informierte Entscheidung treffen zu können.
  • Kulturelle Faktoren, z. B. Bei Konzerten und kulturellen Veranstaltungen.

Zusammen sind Taub-Hörende Dolmetschteams, so die beiden, unschlagbar, dafür gab es nur Zustimmung im Publikum.

Der letzte Vortrag hatte es in sich: Lorraine Leeson, Teresa Lynch, Déirdre Daly und Gráinne Meehan (Trinity College Dublin) haben Daten über die Geburten tauber Mütter aus qualitativen Interviews Daten erhoben, um bessere Dolmetschdienstleistungen für sie rund um Geburt und Schwangerschaftsvor- und Nachsorge zu ermöglichen. Denn aus den Interviews leitet sich ab, dass die Situation bis jetzt sehr schlimm ist. Angesichts der Alltäglichkeit und Urmenschlichkeit der existenziellen Erfahrung, die ganze Familien betrifft und die empfindlichsten Mitglieder unserer Gesellschaft zumal, ist dieses Thema unvertretbar vernachlässigt und in der Forschung unterbelichtet, sie zeugt vor systemischer Gewalt an tauben Frauen. Das Forschungsteam kam zum Ergebnis, dass die betroffenen Frauen während der Geburt sehr oft ohne Dolmetschende auskommen mussten, obwohl es gesetzlich vorgeschrieben ist. Viele mussten sich selbst um Dolmetschung kümmern oder ihre Familienmitglieder sollten dolmetschen. Sie wurden dadurch

  • im Unwissen gelassen wurden
  • Gestresst, besorgt, erschöpft und frustriert und orientierungslos
  • Misstrauten den hörenden Fachleuten, die sich um sie kümmerten,
  • Fühlten sich erniedrigt
  • Konnten kein informiertes Einverständnis zu Maßnahmen geben

Das bedeutet, dass Leib und Leben in Gefahr war durch die dysfunktionale Kommunikationssituation.

Das Team empfiehlt Dolmetschenden diese Fortbildung, um sich Grundwissen für Geburten anzueignen.

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