Sekundärtrauma: Tanja Singer

Stress und Sekundärtrauma in unserem Arbeitsalltag vorbeugen und bewältigen: die Arbeit von Tania Singer, Soziale Neurowissenschaftlerin.

Tanja Singer im Livestream des Collective Trauma Summit 25 am 16. Oktober, http://www.collectivetraumasummit.com

Tania Singer ist auf ihrem Gebiet ein Superstar – und in ihren zahlreichen Vorträgen, live und oft im Internet abrufbar, kommt sie stets bodenständig, nahbar und verständig rüber. Aufgrund ihrer Forschung verstehen wir, was wir herkömmlicher Weise als Empathie bezeichnen viel präziser und können dadurch die breite Palette an zwischenmenschlichen neuronalen Interaktionspotenzialen besser steuern. Sie unterscheidet beispielsweise Empathie,   und Mitgefühl.  Genauer gesagt, beschäftigt sie sich als Soziale Neurowissenschaftlerin mit der Frage: „Wie kommt die andere Person in mein Hirn, wie verstehe ich deine Gedanken, deine Überzeugungen und Gefühle, obwohl ich nicht du bin?“

Zu Anfang hat sie unterschiedlichen sozialen Kompetenzen auch unterschiedliche Gehirnareale zuordnen können:

  • 1. Die Spiegelneuronen. Diese vollziehen Handlungen von anderen nach und führen zum Verständnis darüber, warum jemand eine bestimmte Handlung ausführen könnte.
  • 2. Empathienetzweke sind ähnlich, nachvollziehen aber keine Handlungen, sondern Gefühle und sind daher auch woanders im Gehirn zu finden.
  • 3. Mit Theory of Mind (kognitiver Perspektivwechsel) können wir verstehen was die andere Person glaubt und denkt –  was ja etwas komplett anderes sein kann, als das, was wir denken. Und auch dieses sitzt woanders im Gehirn.
  • Darüberhinaus gibt es 4. das Netzwerk für Mitgefühl.

Tanja Singer konnte nachweisen, dass Empathie, „wie nehme ich wahr, was du fühlst“ einerseits, und Mitgefühl, „Welche Gefühle habe ich für dich?“ andererseits, in unterschiedlichen Netzwerken sitzen, also unterschiedliche soziale Kompetenzen sind und getrennt angesteuert und auch trainiert werden können.  Das ist für Helferberufe, in denen Fachleute wie wir mit Menschen in Krisensituationen innerhalb eines Machtgefälles mit grosser Verantwortung und unter hohem Stress arbeiten, eine weltbewegende Nachricht.  Empathie ist die Fähigkeit, Gefühle anderer selbst zu fühlen, als ob es die eigenen wären, ohne dabei vom anderen „angesteckt“ zu werden, denn es gibt Gewissheit darüber, dass das wahrgenommene Leid zur Erfahrung der anderen Person gehört. Über eine solche „Ansteckung“ laufen Prozesse der Sekundärtraumatisierung, in unserem Fach insbesondere im insbesondere im Community Dolmetschen ein hohes Berufsrisiko.

Ich weiss also, dass das dein Gefühl ist und nicht meins, obwohl ich es selbst gerade fühle. Das funktioniert so, dass zum Beispiel der Schmerz einer verletzten Person die Neuronen bei der sie wahrnehmbaren Person feuern lässt, die zuständig sind für die selben Schmerzen. Auf diese Weise produziert sie die Schmerzen in ihrem eigenen Körper und kann ihn nachfühlen. 

Wenn wir aber gestresst sind, erschöpft sind, überfordert oder getriggert dann kann es passieren, dass die Unterscheidung vom eigenen und anderen Empfinden verschwimmt, dass es also keine Gewissheit darüber gibt, dass das, was ich gerade fühle, von der anderen Person kommt. Diesen Zustand nennt sie Personal Distress oder auch Empathic Distress. Fachleute in Helferberufen können in diesem Zustand ihre Aufgabe nicht erfüllen, weil sie zu sehr mit ihrer Selbstregulierung zu tun haben und die Bedürfnisse ihrer Kund:innen, Patient:innen und Klient:innen nicht mehr wahrnehmen können. Das kann darüber hinaus auf Dauer zu Burnout führen. 

Mitgefühl befeuert viele Gehirnareale, die zusammen ein altruistisches Motivationssystem bilden für sozialen Zusammenhalt – ein wichtiger evolutionärer Vorteil, den unsere Spezies überlebt besser, wenn wir uns umeinander kümmern.  Wenn wir Mitgefühl haben, empfinden wir nicht die selben Gefühle der anderen Person nach – das passiert in einem anderen Gehirnareal. Wir sind statt dessen in einem Motivationszustand, der Liebe, Beziehungsfreundlichkeit, Wärme und allerlei andere positive Gefühle auslöst und uns dazu bringt, für die andere Person da zu sein und unsere eigenen Bedürfnisse zwar wahrzunehmen, aber in diesem Moment zurückzustellen. 

Tanja Singer hat Übungen entwickelt, damit Fachleute selbst merken können, wann genau sie von gesunder Empathie in empathischen Distress kippen und wie sie von dort ins Mitgefühl kommen können. An Mitgefühl kann man, so Singer, nicht ausbrennen. Mitgefühl steigert unsere Resilienz. 

Sie bietet verschiedene Workshopformate an, auf ihrer Webseite zu finden. Dabei leitet sie sehr präzise Übungen an, die die unterschiedlichen Gehirnareale ansprechen. Was mich besonders beeindruckt sind die intersubjektiven Meditationsformate. Das ist nicht nur wie in der klassischen Mindfulness, dass wir alleine vor uns hin meditieren, gibt es gibt auch Übungen zu zweit, um diese sozialen Kompetenznetzwerke aufzubauen und darüberhinaus auch Übungen, die gegenseitigen kognitiven Perspektivwechsel verfeinern. Die Effektivität dieser Übungen konnte man an der Zunahme an Neuronen in den jeweiligen Arealen messen und im Verhalten der Menschen nachverfolgen – egal wie alt diese Menschen waren. Diese Ergebnisse sind nicht weniger als sensationell und vor allem die Partner:innenübungen haben sich als sehr effektiv vor allem für extrem stressbelastete Menschen erwiesen. 

Zu ihren Veröffentlichungen gehört ihr kostenlos downloadbares Buch „Mitgefühl“ 

und alle anderen Buchveröffentlichungen zeigen für unseren Beruf wichtige Zusammenhänge auf, wie „Die Macht der Fürsorge“ aus 2016, oder „Mitgefühl in der Wirtschaft“ aus 2010. 

Ich würde vorschlagen, wir sehen uns bald in einem ihrer Workshops. 

Fortbildung für Coda- und taube DolmetscherInnen 8. und 9. Juli 17

drittkultur„Drittkultur und Professionalität“
Mit Oya Ataman und Isabella Rausch in Berlin. Anmeldung hier.

am Sa. 08.07.2017 – 10:00 – 17:00 Uhr (1,5 Std. Mittagspause) am So. 09.07.2017 – 9:00 – 15:00 Uhr (1 Std. Mittagspause)

Dieses 2-tägige Wochenendseminar ist zugeschnitten auf CODA- und taube Dolmetscher-/innen. Miteinander reflektieren die Teilnehmer, was das Aufwachsen in der Taubengemeinschaft für sie als Dolmetscher mit sich bringt. Denn wer sich in der Zeit der persönlichen Reifung zwischen zwei oder mehreren Kulturen bewegt, erwirbt eine eigene, dritte Kultur. Je nach individueller Sozialisierung birgt diese Erfahrung Chancen und gleichzeitig Risiken. Seit Ruth van Reken und David Pollock 1999 das Phänomen der Third Culture Kids beschrieben haben, entwickelt sich eine globale Bewegung.

Die Berliner Gebärdensprachdolmetscherin Oya Ataman erweiterte van Rekens Beschreibung um Kindeitserfahrungen der Taubengemeinschaft. Durch Vorträge, in Einzel- und Gruppenarbeiten entdecken die Teilnehmer sich selbst im neuen Licht, erörtern und festigen im beruflichen Kontext unsere eigene Drittkultur. Ihre Wiener Kollegin Isabella Rausch leitet den psychotherapeutischen Teil des Seminars mit Übungen zur Reflexion und Auseinandersetzung mit sekundärem Trauma in unserem beruflichen Alltag. Zum Beispiel sind Settings, in denen Traumata der Gesprächsteilnehmer/-innen buchstäblich nur durch unsere Körper zur Sprache kommen, enorm belastend.

Durch bewusst gesetzte Grenzen kann das Verinnerlichen von traumatischen Erzählungen Anderer vermieden werden. Wir lernen Strategien kennen, die uns in brenzligen Situationen helfen, unsere eigene Traumata selbstgesteuert deaktiviert zu lassen.

Burn Out wird durch extremen emotionalen und physischen Stress verstärkt. Wenn wir unsere eigenen Grenzen schützen, schützen wir uns davor auszubrennen und können diesen wunderbaren Beruf viele Jahre ausüben.
Daher widmen die Dozentinnen dem bewussten Umgang mit sekundären Traumata besondere Aufmerksamkeit. Gerade die mögliche Verletzlichkeit, die Mitglieder einer unterdrückten Kultur entwickeln können, lernen die Teilnehmerinnen als Ressource zu nützen und in innere Stärke zu transformieren. In dieser Stärke gedeiht Resilienz, Dialogfähigkeit und Integrität, grundlegende Eigenschaften zur Entwicklung von Professionalität, langfristigen beruflichen Erfolg und Freude an der Arbeit.

Isabella Rausch und Oya Ataman sind international erfahren und mehrsprachig. Um einerseits eine optimale Teilnehmerzahl zu erreichen,

die für die Gruppenarbeit nötig ist und andererseits den Teilnehmer/-innen die Reflexion mit Kolleginnen zu ermöglichen, die sie noch nicht kennen, wird das Seminar im gesamten deutschsprachigen Raum ausgeschrieben.

Die Seminarsprache ist DGS und orientiert sich auch an den individuellen Sprachen der Teilnehmerinnen ÖGS, DSGS und IS.