EFSLI Turin 2024 – Tag 3

Dr. Isabelle Heyerick, Irland und Belgien, trägt vor über die Nachhaltigkeit unserer Profession: halten wir diejenigen Kolleg:innen, die eine Ausbildung gemacht haben, auch tatsächlich im Berufsleben? Warum machen Gebärdensprachdolmetscher:innen eine Ausbildung oder ein Studium und arbeiten dann gar nicht als solche? Was hat es auf sich mit dem so genannten „Dolmetschermangel“? Bevor Isabelle beginnt, gibt es zwei kurze Videos von tauben Vertreter:innen der Community, die bestätigen, dass dieses Forschungsprojekt für sie unterstützenswert ist. Das Projekt ist angelegt als eine belgische, landesweite Umfrage. Von 445 arbeiten 194 überhaupt als GSD, davon 48 Vollzeit (etwa 700 Dolmetschstunden pro Jahr). Bedarf nach Behördenrechnung: 123,000 Stunden (nach meiner Rechnung wären 2/3 des Bedarfs nicht abgedeckt). Woran liegt das? Müssen wir wirklich mehr ausbilden oder eher schauen, dass die Arbeitsbedingungen so gestaltet sind, dass sie tatsächlich gut und gerne – und vor allem nachhaltig – arbeiten können. 217 GSD haben an der Umfrage teilgenommen. Davon 91% hörend 6.9 taub, rest schwerhörig und nicht angegeben. Davon 91% weiblich, 8% männlich rest ohne Angabe. Die am höchsten vertretene Altersgruppe ist 31-40 Jahre alt. 

Von den Gründen für Absolvent:innen überhaupt nicht in den Beruf einzusteigen, sind die drei relevantesten: „Ich denke, ich bin noch nicht bereit dazu“;“ die Selbständigkeit hält mich davon ab“, „ich kann den Beruf nicht mit meinem anderen Job oder mit der Familie zusammenbringen“. Gründe für die Reduktion der Dolmetschzeit sind hauptsächlich: „Unvereinbarkeit mit der Familie“,“ eine andere berufliche Orientierung“, „fehlende finanzielle Absicherung“. Gründe für den Berufsausstieg sind: „Unvereinbarkeit von Beruf und Familie“ und „negative Work-Life-Balance“. Folgendes würde GSD zum Wiedereinstieg oder zur Erhöhung ihrer Arbeitszeit zu motivieren: „die persönlichen Lebensumstände müssen passen“, „die Bezahlung müsste besser sein, Vorbereitungs- und Reisezeit müssten berücksichtigt werden“, „Mentoring“, „Anstellung“, „Höhere Bezahlung für Arbeit am Wochenende, Feiertags und Abends“, „Fortbildungspflicht“, „bessere Fortbildung“, „höhere Wertschätzung“ und „mehr Bewusstsein bei allen beteiligten Gruppen über die Relevanz der Arbeit“. Folgende Maßnahmen würden den Berufseinstieg besser möglich machen: „soziale und finanzielle Absicherung (bei Elternschaft, bei Krankheit, Arbeitslosenversicherung, bei Carearbeit)“; „mehr Sicherheit“, „bessere Fortbildung in den Arbeitssprachen“, „Unterstützung bei unterschiedlichen Aspekten wie Technik und Verwaltung“, „passende Rentengestaltung“. Der hauptsächliche Grund, aus dem diejenigen, die Vollzeit arbeiten, dabei bleiben, ist die persönliche Zufriedenheit, die man wohl auch Berufung nennen könne. Hier kann man jetzt schon im Detail die Studie einsehen, demnächst auch auf Englisch.

Als Fazit nennt Isabelle ganzheitlich orientierte, individualisiertere Maßnahmen, die ausgerichtet sind an den Bedarfen eines Berufs, in dem vornehmlich Frauen arbeiten, die auf die Rente zugehen. Diese Umfrage und ihre Ergebnisse beziehen sich auf Belgien, Isabelle empfiehlt, im eigenen Land diese Bedarfe zu erfassen. Ich gehe davon aus, dass die Ergebnisse sehr ähnlich ausfallen würden, was denkt ihr? Ich habe Isabelle in einem persönlichen Gespräch gefragt, wie ich alle Leute um mich herum wissen lassen kann, wie sehr ich meinen Beruf liebe. Das zu tun, vor allem den sozialen Medien, hätte eine hohe Selbstpräsenz und die Erregung hoher Aufmerksamkeit zur Folge. Ich vermisse ein Format, in dem ich das unverfänglich und vereinbar mit meinem Ehrencodex in die Welt tragen kann. Sie meint: Lass uns gemeinsam daran arbeiten. Habt ihr Ideen dazu?

Dc. Res. Karolien Gerbers möchte, dass wir unsere Positionalität als GSD im Kontext eines soziokonstruktivistischen und diversitätskritischen Ansatzes reflektieren lernen und empfiehlt visuelle Methoden dazu. In einfachen Worten: Wer bin ich als Dolmerscher:in, was macht meine Identität aus? Wenn ich darüber nachdenke, wie kommen meine anderen miteinander Identitäten ins Zusammenspiel? Denken wir dann über unsere biases nach? Über komplexe Dynamiken von Unterdrückung und Privilegien und unsere Beteiligung an ihnen? Um das in ihren Workshops zu erfassen, benutzt sie kunstpädagogische Methoden z. B. Bilder oder Mindmaps mit Fragestellungen, welche die Selbsterfahrung in spezifischen Arbeitssituationen betreffen. Sie lässt Soziogramme anfertigen. Im Debriefing wird dann nachgefragt: Was fällt dir auf, wenn du Dein Bild betrachtest? Was kannst du aus den Verhältnissen von Nähe und Distanz im Soziogramm lesen? Welche Wortwahl und welche Sprache verwenden wir, um über bestimmte Gruppen und in bestimmten Anlässen zu reden? Zusammenfassend bieten visuelle Reflexionsmethoden ein lohnendes Medium, als Gesprächsgrundlage, um uns über unbequeme und tiergehende Themen auszutauschen. Literaturtipps: Blair Imani, Read This To Get Smarter: About Race, Class, Gender, Disability and More. Penguin Random House, 2021, und Megan Pillow and Roxane Gay, Do The Work. Leaping Hare, 2024. Ausserdem folgende Blogtipps: Acadeafics und Not the angry Deaf person

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